Start Download Verzeichnis Beurteilung der Eutergesundheit
Details für Beurteilung der Eutergesundheit
ObjektWert
NameBeurteilung der Eutergesundheit
Beschreibung


1
Beurteilung der Eutergesundheit
Prof. Dr. Kurt Wendt (ehem. FU Berlin)
Dr. Martin Spohr (Tiergesundheitsdienst Stuttgart)
Beurteilung der Eutergesundheit
Zur Einschätzung der Eutergesundheit sowohl der Einzelkuh, als auch der Herde sind folgende
Kenngrößen verwendbar:
1. Tankzellzahl
2. Anteil euterkranker Tiere in der Herde
3. Klinische Mastitisrate
Tankzellzahl
Die Tankzellzahl ist ein Indikator für die relative Häufigkeit subklinischer, subakut bis chronisch
verlaufender Mastitiden. Milch klinisch euterkranker Kühe (mit starker Veränderung des Sekretes)
sowie die Milch von Kühen mit konstant hohen Zellgehalten wird häufig separiert, so dass die
Tankzellzahl als Indikator der Eutergesundheit der Herde falsch negativ reagiert. Je geringer die
Herdengröße, umso stärker können die monatlichen Schwankungen der Tankzellzahl sein, da
wenige euterkranke Kühe bereits einen erheblichen Einfluss ausüben. Als Ziel ist eine Tankzellzahl
im 6-monatigen geometrischen Mittel von weniger als 250.000 Zellen/ml anzustreben.
Anteil euterkranker Tiere in der Herde
Die im Rahmen der Milchleistungsprüfung (MLP) bestimmten Gemelkszellzahlen ermöglichen eine
sichere und einfache Erkennung chronisch euterkranker Kühe. Die Gemelkszellzahl einer
gesunden Kuh liegt unter 150.000 Zellen/ml und sollte auch bei altmelkenden Kühen den Wert von
250.000 Zellen/ml nicht übersteigen. Wenn mehr als 10% der Kühe eines Bestandes an einer subklinischen
Mastitis erkrankt sind, hat das erhebliche Milchverluste, eine zell- und erregerbelastete
Milchqualität und erhöhte Kosten zur Folge. Die Herde muss als Bestandsproblem angesehen
werden.
Bezogen auf die Eutergesundheit lassen sich folgende Auswertungen mit Hilfe der MLP-Daten
erstellen:
 Die Verteilung der Gemelkszellzahlen kann nach folgendem Schema bewertet werden:
Eutergesundheitsstatus Verteilung der Gemelkszellzahlen
< 100.000 100 – 300.000 >500.000
Gut > 75% 10–15% < 5%
Problematisch < 70% > 20% > 10%

2
 Sowohl der Anteil euterkranker Kühe in der Herde, als auch die Tankzellzahl lassen sich
fortlaufend dokumentieren, um langfristige Entwicklungen sichtbar zu machen.
 Der zu errechnende Anteil jeder einzelnen Kuh an der Tankzellzahl erleichtert die Entscheidung,
welche Kuh von der Milchablieferung ausgeschlossen werden muss, um die
Tankzellzahl zu senken.
 Durch den Vergleich zweier Prüfungsergebnisse lässt sich feststellen, wie viele Kühe in der
Zwischenzeit gesundet oder erkrankt sind. Diese Information ist besonders dann wichtig,
wenn die Wirksamkeit durchgeführter Sanierungsmaßnahmen überprüft oder die Entwicklung
der Eutergesundheit kontrolliert werden soll.
Klinische Mastitisrate
Neben der Auswertung der MLP-Zellzahlen ist die Erfassung der klinischen Mastitisrate notwendig.
Sie sollte kleiner als 0,2 klinische Mastitiden/Kuh und Jahr sein und umfasst sowohl Neuinfektionen
als auch Rezidive.
Um diese Zahl erheben zu können, sollte jede sichtbare Euterentzündung notiert werden (Name
der Kuh, Datum, Viertel). Zusätzliche Angaben über die Menge der verworfenen Milch, entstandene
Therapiekosten und das Ergebnis der Behandlung machen die ökonomische Bedeutung
der Eutererkrankungen sichtbar und helfen, Mastitis-anfällige Kühe oder Zuchtlinien zu erkennen
und ggf. zu merzen. Es ist anzumerken, dass Kühe mit klinischen Mastitiden nicht trocken gestellt
werden sollten. Als hilfreiche und aussagekräftige Maßzahlen sind folgende Indikatoren verwendbar:
Indikator Ziel
Tankzellzahl < 250.000 Zellen/ml
Anteil euterkranker Kühe (MLP) < 20 %
Klinische Mastitisrate < 0,2 klin. Mastitiden/Kuh und Jahr

3
Epidemiologie verschiedener Mastitiserreger und daraus abgeleitete Sanierungskonzepte
Die Entstehung einer Mastitis setzt voraus, dass ein Erregerreservoir im Umfeld der Kuh vorhanden
ist, Übertragungsmechanismen existieren, die das Durchdringen der Bakterien durch den
Strichkanal in die Zitzenzisterne ermöglichen und eine, an der Invasionsrate und Pathogenität der
Mikroorganismen gemessene, zu geringe Abwehrleistung des Euters besteht.
Erregerreservoir
Als Erregerreservoir werden jene Habitate bezeichnet, in denen die Mastitiserreger langfristig überleben
und sich vermehren können. Man unterteilt aus epidemiologischer Sicht sog. Kuh-assoziierte
und Umwelt-assoziierte Keime.
Die Kuh-assoziierten Bakterien (Staph. aureus, Strep. agalactiae, Strep. dysgalactiae,
Mycoplasma bovis) überdauern in infizierten Eutervierteln, im Strichkanal und auf vorgeschädigter
Zitzen- und Euterhaut. Dagegen lassen sich die Umwelt-assoziierten Keime (E. coli, Coliforme
Keime, Enterobacterarten, Strep. uberis, Enterokokken, Pseudomonaden, Pilze, Hefen) im Umfeld
der Kühe, d.h. in Faeces, Einstreu, Futtermitteln, kontaminiertem Wasser, Boden und schlecht
gereinigten Melkzeugen nachweisen.
Infektionsmodus
Die Übertragung der Kuh-assoziierten Mastitiserreger auf die Zitzen gesunder Kühe erfolgt durch
kontaminierte Melkzeuge (Zitzengummis) und Melkutensilien (Euterlappen) incl. der Melkerhände.
Die Überwindung des Strichkanals wird entweder durch Druckgradienten im Melkzeug gegen
Ende des Melkens oder durch Kapillarkräfte nach Abnahme des Melkzeuges verursacht. Die Anheftung
auf der Schleimhaut, das Eindringen in das Euterparenchym und die Vermehrung der
Mastitiserreger werden durch eine Vorschädigung des Euters durch Melktechnik- (Pulsation,
Vakuumhöhe) und Melkarbeitsmängel (Blindmelken) gefördert.
Die Umwelt-assoziierten Mastitiserreger gelangen durch direkten Kontakt des Euters mit Einstreu,
Futter und Melkzeug an die Zitzenkuppe. Die Penetration des Strichkanals erfolgt überwiegend
gegen Ende der Zwischenmelkzeit oder in der Aufeuterungsphase gegen Ende der Trockenstehzeit,
wenn aufgrund des angestiegenen Euterinnendruckes der Verschluss des Strichkanals nachlässt.
Die Mastitiserreger verfügen aufgrund der guten Wachstumsbedingungen über eine sehr
hohe Vermehrungsrate und sind in der Lage, den Strichkanal zu „durchwachsen“. Umweltassoziierte
Mastitiserreger im Melkzeug und auf der nicht ausreichend gesäuberten Zitzenkuppe
gelangen durch Druckgradienten und Kapillarkräfte in die Zitzenzisterne.

4
Sanierungskonzepte
Die effektive Sanierung eines Mastitisproblembestandes beinhaltet die vorhergehende und fortlaufende
Bestimmung des sog. Leitkeimes, d.h. des Erregers mit der größten Verbreitung in der
Herde, bzw. der größten ökonomischen Relevanz. Die bestandsdiagnostischen Maßnahmen
müssen das Erregerreservoir eingrenzen und die Infektionsmechanismen und prädisponierenden
Faktoren aufzeigen, um gezielt Sanierungs- und Prophylaxemaßnahmen entwickeln zu können.
Für Kuh- und Umwelt-assoziierte Mastitiserreger lassen sich folgende Bausteine zu einem Konzept
zusammenfügen.
Kuh-assoziierte Mastitiserreger
Identifizierung euterkranker Kühe:
Um das Erregerreservoir eingrenzen zu können, müssen alle Kühe zytobakteriologisch untersucht
werden (Viertelgemelksproben). Die Gemelkszellzahl kann bei dieser Fragestellung nicht als
Selektionskriterium dienen, da subklinische Staph.-aureus- oder Strep.- agalactiae-Mastitiden nicht
zwingend mit stark erhöhten Zellzahlen vergesellschaftet sind. Da der Nachweis dieser Mastitiserreger
nicht immer möglich ist, bzw. im Laufe des Sanierungsverfahrens eine Neuinfektion der
vorher als eutergesund eingestuften Tiere möglich ist, müssen diese Untersuchungen ggf. mehrfach
wiederholt werden.
Isolierung euterkranker Kühe:
Um eine Übertragung der Mastitiserreger während des Melkens oder durch direkten Kontakt zu
vermeiden, sollten die eutergesunden und euterkranken Kühe getrennt gehalten werden. Diese
Separierung ist bei Anbinde- oder Gruppenhaltung gut, bei Laufstallhaltung oder Weidegang
schwer durchzuführen. Ist eine Isolierung nicht möglich, sollte der Schwerpunkt auf die Verhinderung
der Erregerübertragung während des Melkens gelegt werden.
Einschränkung der Erregerübertragung:
Die Einhaltung der Melkreihenfolge (euterkranke Kühe zum Schluss) ist die effektivste Maßnahme
zur Reduzierung der Keimübertragung. Auch diese Maßnahme ist bei Anbinde- und Gruppenhaltung
leicht durchführbar (s.o.). Kann die Melkreihenfolge nicht gesteuert werden, so ist eine
ständige Dekontamination der Melkzeuge und Melkerhände während des Melkens, d.h. nach jeder
Kuh, notwendig. Die Dekontamination der Melkzeuge durch Melkzeugzwischendesinfektion ist in
größeren Herden und Problembetrieben zwingend erforderlich. Desinfektionsmittelgetränkte Einwegpapiertücher,
die zur Zitzenreinigung eingesetzt werden, haben den Nebeneffekt, dass eine
ausreichende Händedesinfektion der Melker erfolgt. Mehrweglappen zur Zitzenreinigung mehrerer

5
Kühe sind in jedem Fall abzulehnen. Das Dippen nach dem Melken mittels Dippbecher oder
Sprayflasche ist grundsätzlich zu empfehlen. Entscheidend ist, dass der distale Bereich der Zitzen
mit dem Desinfektionsmittel benetzt wird, und ein wirksames Präparat verwendet wird. Diese Maßnahmen
müssen, auch bei Einhaltung der Melkreihenfolge, bei allen Kühen durchgeführt werden,
da eine Neuinfektion nie vollständig verhindert und damit eine erneute Ausbreitung der Mastitiserreger
nie ganz ausgeschlossen werden kann. Während eine vollständige Eliminierung von Strep.
agalactiae aus der Herde möglich ist, muss bei den übrigen Kuh-assoziierten Mastitiserregern trotz
Sanierungs- und Prophylaxemaßnahmen mit sporadischem Auftreten dieser Bakterien als
Mastitiserreger gerechnet werden.
Umwelt-assoziierte Mastitiserreger
Identifizierung euterkranker Kühe:
Die Erkennung euterkranker Kühe ist leicht möglich, da ein Großteil der Mastitiden klinisch oder
mit erhöhten Zellzahlen verlaufen. Bei geringfügig erhöhten Zellgehalten und dem Nachweis
Umwelt-assoziierter Mastitiserreger im Sekret ist eine Abgrenzung zu Sekretionsstörungen und
Kontaminationen der Milchprobe nicht eindeutig möglich. Da euterkranke Kühe als Erregerreservoir
nur eine untergeordnete Rolle spielen, ist die Identifizierung und Isolierung euterkranker
Kühe nachrangig.
Einschränkung der Erregerübertragung:
Bei Mastitisproblemen, verursacht durch Umwelt-assoziierte Mastitiserreger, muß das Ziel verfolgt
werden, die Kontamination der Zitzen mit Mastitiserregern, sowohl von laktierenden als auch von
trockenstehenden Kühen, so gering wie möglich zu halten. Dies läßt sich durch folgende Maßnahmen
erreichen:
 Die Häufigkeit sog. Spaltenlieger muss gering sein. Dies kann erreicht werden durch eine
bessere Akzeptanz der Liegebuchten und die Vermeidung von Überbelegung.
 Die Liegeflächen müssen sauber bleiben. Neben einer der Kuhgröße angepassten Boxenund
Standplatzgröße ist die regelmäßige Säuberung der Liegefläche (mind. 2 mal täglich),
in Verbindung mit der Erneuerung der Einstreu erforderlich.
 Die Keimkonzentration im Umfeld der Kuh muss so gering wie möglich sein. Dazu müssen
die Wachstumsmöglichkeiten für Bakterien durch ein geeignetes Stallklima (Temperatur,
Luftfeuchtigkeit, Luftaustauschrate) und häufiges Entmisten eingeschränkt werden. Eine
wiederkäuergerechte Fütterung muss das Auftreten von Indigestionen verhindern, um eine
Keimanreicherung durch starkes Laxieren der Kühe zu vermeiden. Kühe mit erheblichem

6
Ausfluss oder Eiterabsonderung müssen aus dem Laufstall entfernt, bzw. von den
gesunden Kühen getrennt werden.
 Um das Eindringen der Mastitiserreger nach Abnahme der Melkzeuge (Kapillarkräfte) zu
verhindern, ist der Einsatz Desinfektionsmittelgetränkter Eutertücher zur Zitzenreinigung zu
empfehlen.
 Nach dem Melken sollten die Kühe für ca. 2 Stunden im Fressgitter eingesperrt bleiben, um
vor dem ersten Kontakt der Zitzen mit der Liegefläche ein vollständiges Verschließen des
Strichkanals zu ermöglichen.
Prädisponierende Faktoren reduzieren:
Bei gehäuftem Auftreten sog. Coli-Mastitiden sollte die Fütterung bezüglich Wiederkäuergerechtigkeit,
Bedarfsdeckung und Ausgewogenheit überprüft werden. Darüber hinaus ist die
Fütterung in der Trockenstehzeit und die Kondition der trockenstehenden und frischmelkenden
Kühe zu kontrollieren.
Da bei leicht melkenden Kühen aufgrund des schlechteren Strichkanalverschlusses mit einer
höheren Invasionsrate zu rechnen ist, sollte durch züchterische Maßnahmen eine unkontrollierte
Steigerung der Melkbarkeit vermieden werden.
Die subklinische Mastitis
 Die subklinische Mastitis ist durch erhöhte Milchzellzahlen und Erregernachweis
charakterisiert und geht zumeist in eine klinische Form über, kann seuchenartig verlaufen,
wenn Galt-Erreger oder Mykoplasmen Auslöser sind.
 Melkschäden, Schwermelkigkeit, Fütterungsfehler, Futterschädlichkeiten und Stoffwechselkrankheiten
können auslösend oder fördernd wirken.
 Zur Diagnostik nutzt man die klinische Euter-/Sekretuntersuchung, die bakteriologische und
Zellzahltestung. Der Mastitisschnelltest, die elektrische Leitfähigkeit können ergänzen.
 Ein detaillierter Maßnahmeplan zur Eindämmung der Mastitis muss besonders auf die Verbesserung
der Melk-, Fütterungs- und Haltungshygiene orientieren, eine systematische Erregerbekämpfung
ausweisen und durch ein sachlich-konsequentes Management des Betriebsleiters
eingeordnet, koordiniert, kontrolliert und abgerechnet werden.

7
Charakteristika von Störungen der Eutergesundheit (IDF)
Status Veränderungen
klinisch sekretorisch bakteriologisch
Gesundes Euter - - -
Sekretionsstörung - + -
Latente Infektion - - +
Subklinische Mastitis - + +
Klinsche Mastitis + + +/-

Dateigröße155.56 kB
Dateityppdf (Dateityp: application/pdf)
Erstelleradmin
Erstellt am 27.07.2009 10:22
Zugriffe886 Zugriffe
Zuletzt geändert 27.07.2009 10:24
Homepage
AutorProf. Dr. Kurt Wendt & Dr. Martin Spohr
Download Anzeigen


Zurück