Start Download Verzeichnis Eutergesundheit und Milchflusskurven - Praxisstudie zur Milchqualität und zum Milchentzug in Schlesw
Details für Eutergesundheit und Milchflusskurven - Praxisstudie zur Milchqualität und zum Milchentzug in Schlesw
ObjektWert
NameEutergesundheit und Milchflusskurven - Praxisstudie zur Milchqualität und zum Milchentzug in Schlesw
Beschreibung


1
Eutergesundheit und Milchflusskurven - Praxisstudie zur
Milchqualität und zum Milchentzug in Schleswig-Holstein
Prof. Dr. E. Schallenberger, Institut für Tierzucht und Tierhaltung, Christian-Albrechts-Universität
zu Kiel
Einleitung
Die Milcherzeugung stellt in der Landwirtschaft den Betriebszweig mit der höchsten Wertschöpfung
dar, die Leistungen sind gerade in den neuen Bundesländern beeindruckend gestiegen, z.B. in
Sachsen, das inzwischen den deutschen Spitzenplatz belegt, seit 1989 um 3250 kg auf 7411 kg
bei allen MLP-Kühen mit 318 kg Fett (4,29 %) sowie 253 kg Protein (3,41 %). Allerdings ging mit
der Leistungssteigerung die Verweildauer der Tiere in der Produktion stetig zurück, in Schleswig-
Holstein z.B. auf 2,6 Laktationen bei konstantem Erstkalbealter von 31 Monaten, so dass hier die
durchschnittliche Lebensleistung bei Schwarzbunten Rindern bei 19 200 kg liegt und im letzten
Jahrzehnt annähernd konstant blieb, ein Wert, bei dem das genetische Potenzial nur zu einem
geringen Grad ausgeschöpft wird.
Abgänge wegen Euterfunktionsstörungen und wegen Unfruchtbarkeit (» 20 bzw. 23 % bei den
MLP-Kühen) haben oft die gleichen Ursachen, suboptimale Haltungsbedingungen, nicht leistungsgerechte
Fütterung, mangelnde Stall- und Melkhygiene, sowie unzureichende Gesundheitsprophylaxe.
Wachsende Herdengrößen und –leistungen erfordern ein komplexes Management,
Produktionssteigerungen dürfen nicht nur durch genetischen Fortschritt und stetig erhöhte
Remontierung erreicht werden (im Landesdurchschnitt in Schleswig-Holstein bei 40 % liegend), die
Lebensleistung der Milchkühe muß erhöht werden. Für eine längere Verweildauer in der Milchviehherde
sind optimale Jungtieraufzucht, das konsequente Vermeiden „typischer“ Jungtiererkrankungen
und eine bessere Eingliederung von Färsen in die Produktionsherde entscheidende
Voraussetzungen.
Die Eutergesundheit wird gleichermaßen durch biologische und Managementfaktoren beeinflusst.
Entscheidend sind Rasse, Genetik, ausgeglichenes Leistungsniveau, ganz besonders natürlich
Haltungs- und Melkhygiene, Melktechnik, Melkstrategien und melkerspezifische Routine.
Praxisstudie zur Milchqualität und zum Milchentzug in Schleswig-Holstein
Hintergrund einer mehrjährigen Untersuchung in 15 Praxisbetrieben war der allgemein unbefriedigende
Eutergesundheitsstatus. Die durchschnittliche Herdenleistung schwankte zwischen 5150–
9800 kg Milch bei zweimal täglichem Melken (Milchfett 4.07–4.71 % und Milcheiweiß 3.3–3.5 %).
Monatlich werden zusätzlich zur MLP-Kontrolle morgens Viertelanfangsgemelksproben von allen

2
Tieren gewonnen und beim Abendgemelk die Milchabgabecharakteristika durch die mobilen
Messgeräte „LactoCorder“ erfasst.
Eutergesundheit und Zellzahl
Die durchschnittliche Zellzahl (arithmetisches Mittel) variierte in den Herden von 81.000 bis
344.000/ml. Die Viertelanfangsgemelks-Zellzahlen stiegen während der Laktationsperiode an, sie
waren in den Hintervierteln stets höher als in den Vordervierteln, gesunde Euterviertel rangierten
von < 50.000/ml zu Laktationsbeginn bis etwa 200.000/ml vor dem Trockenstellen, wohingegen
Euterviertel mit mikrobiologischem Erregernachweis sich im Bereich von 300.000–600.000 / ml
bewegten mit den höchsten Werten zu Laktationsbeginn und Laktationsende. 50% der Kühe
wiesen im ersten Laktationsmonat Zellzahlen < 50.000/ml in allen 4 Vierteln auf, vor dem Trockenstellen
war dieser Anteil auf 5% abgesunken. Durchschnittlich 23% aller Kühe hatten allerdings
bereits bei Laktationsbeginn Zellzahlen von > 400.000/ml in mindestens einem Euterviertel, vor
dem Trockenstellen stieg dieser Anteil auf 42% an.
Eutergesundheit und mikrobiologische Befunde
Nach mikrobiologischer und biochemischer Differenzierung konnte folgendes Spektrum euterpathogenen
Keime – natürlich mit breiten betriebsspezifischen Unterschieden, besonders Mischinfektionen
betreffend, auf Viertelbasis differenziert werden:
 79 % koagulase-negative Staphylokokken
 6 % koagulase-positive Staphylokokken (Staphylococcus aureus)
 17 % umweltassoziierte Streptokokken (Streptococcus uberis, Streptococcus
dysgalactiae)
 2 % Streptococcus agalactiae (Erreger des gelben Galtes)
 2 % sonstige Erreger
Diese Erreger bedingten sehr unterschiedliche Zellzahlerhöhungen, so dass im Umkehrschluss
aus dem mittleren Zellzahlniveau von Eutervierteln auf Herdenbasis auf das Hauptvorkommen
bestimmter Erregerklassen geschlossen werden konnte:
 mittlere Zellzahl bei koagulase-negativen Staphylokokken 357 000/ml
 mittlere Zellzahl bei koagulase-positiven Staphylokokken 762 000/ml
 mittlere Zellzahl bei umweltassoziierten Streptokokken 772 000/ml
 mittlere Zellzahl bei Streptococcus agalactiae 1.235 000/ml
Bei den Milchdrüseninfektionen muss unterschieden werden zwischen klinischen Mastitiden mit
erkennbaren Sekret- und Euterveränderungen und sogenannten subklinischen Mastitiden, bei
denen meist keine für den Landwirt erkennbare Veränderungen vorliegen. Die klinischen
Mastitiden treten zum Laktationsbeginn gehäuft auf, im ersten Laktationsmonat sind ca. 22% aller

3
Kühe davon betroffen. Subklinische Mastitiden steigen von ca. 7,5% Häufigkeit im ersten
Laktationsmonat auf ca. 17% aller Kühe vor dem Trockenstehen an. Abhängig von der Jahreszeit
und dem Laktationsstadium weisen im Mittel 30-45% der Kühe mindestens ein erregerpositives
Euterviertel auf, wobei Hinterviertel häufiger auffällig sind.
Zunehmend sind erstlaktierende Rinder von Euterproblemen betroffen. Durchschnittlich 21,8%
litten bereits an subklinischen und 14,5% an klinischen Mastitiden. 40,2% aller erstlaktierenden
Rinder waren auf mindestens einem Viertel erregerpositiv, wobei wiederum die beiden Hinterviertel
deutlich stärker betroffen waren als die Vorderviertel. Im ersten Vierteljahr nach der ersten
Abkalbung wiesen nur 52,6% der Färsen keine Zellzahlerhöhungen oder erregerpositive Viertel
auf, 37,9% litten in diesem Zeitraum an subklinischer, 3,9% an klinischer und 5,6% an bereits
chronischer Mastitis. Der Befall mit Staphylokokken und Streptokokken lag zwischen der
Kolostralperiode und dem 15. Laktationstag deutlich höher als in den nächsten zwei Wochen. Es
lagen sehr starke Schwankungen in der Befallshäufigkeit zwischen einzelnen Herden vor, insbesondere
tragen eine gestörte Nachgeburtsphase, Abkalbungen im Winterhalbjahr, hohe
Herdenmilchleistungen und ungenügende Zitzenausprägung überproportional zur Färsenmastitis
bei. Schwarzbunte Rinder waren etwa doppelt so häufig betroffen wie Rotbunte oder Angler
Färsen.
Melkroutine und Milchflusskurven
Folgende Hauptprobleme beim Melken konnten nachgewiesen werden:
 ungenügende Stimulation und ungenügendes Vormelken
 zu lange Wartezeit zwischen Stimulation und dem Ansetzen der Melkzeuge
 teilweise langes Blindmelken einzelner Viertel, seltener des ganzen Euters
 ungenügendes Ausmelken
 nicht ordnungsgemäße Euter- und Zitzenreinigung vor dem Melken
 ungenügende Zwischendesinfektion von Melkzeugen in Problemherden, besonders von
separaten Melkzeugen für kranke Kühe und Rinder in der Kolostralperiode
 kein oder fehlerhaftes „Dippen“ nach dem Melken
Die durch das elektronische Milchleitfähigkeits- und Milchmengenerfassungsgerät „LactoCorder“
aufgezeichneten Milchflusskurven können in folgende Kategorien eingeteilt werden:
Die optimale Milchflusskurve ist annähernd trapezförmig mit schneller Anstieg- und Abstiegsphase
(1.05 bzw. 1.62 Minuten und mit einer durchschnittlichen Melkdauer von 5 Minuten), aus über 2700
Messungen ergab sich ein maximaler Milchfluss von knapp über 3 kg/min. Trapezförmige Milchflusskurven
weisen gehäuft jüngere Rinder und Kühe mit täglichen Milchleistungen von 20-30kg
auf. Ebenso treten sie überdurchschnittlich nur bei Kühen mit Zellzahlen < 100.000/ml auf. Bei

4
Rindern mit Nachweis von euterpathogenen Keimen verringerte sich der Anteil trapezförmiger
Kurven, bei 2 betroffenen Vierteln im Mittel auf 15% und bei 4 betroffenen Vierteln auf 10%.
Allerdings lag diese optimale Kurve nur bei ca. 20.5% aller Tiere und Melkungen vor.
Bei » 26% aller Messungen traten Milchflusskurven mit einer sogenannten Bimodalität auf, d. h.
einem kurzfristigen Anstieg des Milchflusses mit anschließendem Versiegen, es kam erst sekundär
zu einem verzögerten Einschießen der Milch. Die Plateaudauer war bei einem durchschnittlichen
maximalen Milchfluss von 3,4 kg/min auf 1,3 Minuten verkürzt, die Melkzeit hatte sich auf 5,5
Minuten verlängert. Diese Art der Milchabgabe tritt oft im Vergleich zu 2,79 Minuten bei trapezförmigen
Kurven nach nicht ordnungsgemäßer Stimulation, bei älteren oder spätlaktierenden
Kühen oder bei Zellzahlen > 100 000/ml auf. Kühe mit bimodalem Milchfluss wiesen im Durchschnitt
eine um 2 kg geringere Milchleistung als Tiere mit optimal trapezförmiger Milchflusskurve
auf. Blindmelken oder frühzeitiges Versiegen des Milchflusses einzelner Viertel kann durch einen
sogenannten stufenförmigen Abstieg anhand der Milchflusskurve erfasst werden, dadurch verlängert
sich die durchschnittliche Melkzeit auf über 8 Minuten. Diese Kurvenform tritt bei ca. 20 %
aller Rinder auf. Bei 7 % der untersuchten Milchflusskurven konnte ein Lufteinbruch während des
Melkens nachgewiesen werden, 8,5 % aller Kühe waren sogenannte schnell melkende Tiere mit
einer Melkdauer von ca. 4 Minuten, bei denen der maximale Milchfluss häufig auf über 6 – 7
kg/min ansteigt. 5,8 % aller Rinder waren langsam melkende Tiere mit einem Milchfluss von häufig
< 2 kg/min, die Melkdauer verlängerte sich oft auf mehr als 10 Minuten. Die Kuh mit der längsten
Melkzeit bedingt allerdings die Umtriebszeit im Gruppenmelkstand, so dass aus arbeitswirtschaftlichen
Gründen der Anteil dieser langsam melkenden Kühe in der Herde reduziert werden sollte.
Die Ausprägung der verschiedenen Kurvenformen ist in den einzelnen Betrieben sehr unterschiedlich
und hängt stark von der Melkroutine des Betreuungspersonals ab. Das Auftreten trapezförmiger
Kurven schwankte von 2,4 bis 40 % in einzelnen Betrieben, von bimodalen Milchflusskurven
von 10 bis knapp 50 % und von langsam melkenden Kühen von 0,5 bis 15 %.
Eutergesundheit und Fruchtbarkeit
Fruchtbarkeit und Eutergesundheit stehen in engem Zusammenhang, 68 % aller Rinder, die nachweisbar
konzipierten, waren eutergesund, 32 % euterkrank, davon litten wieder 20 % aller Rinder
an subklinischer Mastitis, die übrigen an akuter oder chronischer Mastitis. Die eutergesunden
Rinder wiesen eine durchschnittliche Güstzeit von 92 Tagen auf, die Tiere mit subklinischer
Mastitis von 120,5 Tagen und die Kühe mit akuter und chronischer Mastitis von 125 Tagen. Der
Besamungsindex stieg von 1.7 bei eutergesunden Tieren auf 2.1 bei subklinisch oder chronisch
erkrankten Rindern. Kühe, welche nicht erfolgreich belegt werden konnten, wiesen einen deutlich
höheren Anteil von Eutergesundheitsstörungen auf.

5
Eutergesundheit und Wirtschaftlichkeit
Die Verlängerung der Güstzeit um einen Monat bei Mastitis bedingt zusätzliche bislang kaum beachtete
wirtschaftliche Verluste. Bei der Bruttokalkulation von Folgekosten von Eutererkrankungen
bei Rindern ergeben sich Milchverluste von ca. 1300 kg und monetäre Verluste von € 665,- pro
euterkrankem Rind. Dies umfasst alle Kosten wie Wartezeiten für nicht verkehrsfähige Milch,
Minderleistung in der aktuellen und in Folgelaktationen, Untersuchungsgebühren, Tierarztkosten,
Medikamente, erhöhte Remontierung, Rastzeitverlängerung und erhöhten Besamungsaufwand.
Durch gezielte Managementverbesserungen könnten erhebliche Rationalisierungsreserven in den
einzelnen Betrieben realisiert werden.
Ausblick
Ein Hauptproblem einer nachhaltigen Verbesserung der Eutergesundheit ist, dass die konsequente
Umsetzung von Erkenntnissen bezüglich Management, Haltung, Hygiene, Melken und Fütterung
im Einzelbetrieb ungenügend ist. Nur ein ganzheitliches Herden-, Gesundheits- und Hygienemanagement
mit konsequenter optimaler Melkarbeit sichert dauerhaften Erfolg. Hier müssen zukünftig
verbesserte Beratungsaktivitäten ansetzen, die, von der konsequenten Befunderhebung
und –analyse ausgehend, dem Landwirt breite und nicht nur sektorale Hilfe anbieten. Viele Milchviehhalter
haben das Gefährdungspotenzial ihrer Herden noch nicht klar erkannt. Zielgerichtetes
antibiotisches Trockenstellen setzt eine genaue Kenntnis der Erreger- und Resistenzsituation in
der Herde voraus. Gerade subklinische Mastitiden müssen primär vor dem Trockenstellen und
nicht in der Hauptlaktation therapiert werden. Aufstockungen, Überbelegungen, Umbauten, neue
Melktechnik im Stall verschlechtern erstmals die Eutergesundheit, auch allgemeine Erkrankungen
in der Herde erhöhen das Mastitisrisiko. „Schlechte“ Betriebe sind dadurch gekennzeichnet, dass
sie nicht nachhaltig Veränderungen im Management, Haltungs-, Hygiene- und Melkbereich durchhalten.
Wenn Milchviehherden während des ganzen Jahres annähernd konstant betreut werden,
können Betriebe eine relativ stabile Eutergesundheit erreichen. Der Erfolg ist primär vom Betriebsleiter
und Melker abhängig, Melkerwechsel wie auch hohe Arbeitsbelastung durch Außenarbeiten
während der Ernte sowie häufiger Futterwechsel verschlechtern grundsätzlich die Eutergesundheit.
Der Erfolg ist unabhängig von Leistungsniveau, der Herdengröße und der eingesetzten Melktechnik.
Maßnahmen am Einzeltier werden üblicherweise in ihrem Erfolg überschätzt, nur ein
klares Sanierungskonzept und die Bereitschaft zu konstanter Herdenbetreuung verbessern die
Eutergesundheit und damit die Wirtschaftlichkeit in der Milchviehhaltung.
Der in vielen Herden ansteigende Anteil von Euterfunktionsstörungen bei erstlaktierenden Kühen
erfordert eine wesentlich umfassendere Beachtung der Jungtieraufzucht mit Vermeidung
„typischer“ Kälbererkrankungen und verbesserten Haltungsbedingungen. Die Färsenmastitis gestaltet
die Remontierung euterkranker älterer Kühe besonders problematisch. Die Hälfte der neu

6
integrierten Färsen weist bereits ein besonders hohes Mastitisgefährdungspotenzial auf, viele
dieser Tiere müssen bereits in der ersten Laktation therapiert oder sogar gemerzt werden.

Dateigröße142.28 kB
Dateityppdf (Dateityp: application/pdf)
Erstelleradmin
Erstellt am 27.07.2009 10:25
Zugriffe885 Zugriffe
Zuletzt geändert 27.07.2009 10:26
Homepage
AutorProf. Dr. E. Schallenberger
Download Anzeigen


Zurück