| Beschreibung | 1 Wirtschaftlichkeit in der Milchviehhaltung (Kurzfassung) Prof. Dr. Karl Jaster, Humboldt-Universität zu Berlin Mit 10,5 Mrd. € werden ca. 20 % des Produktionswertes der Landwirtschaft durch Milchviehhaltung bestimmt. Am Produktionswert der tierischen Produktion macht der Anteil ca. 56 % aus. Milcherzeugung ist wie alle anderen landwirtschaftlichen Produktionszweige verschiedenen Risiken ausgesetzt. Dabei scheint es Unsicherheiten hinsichtlich der Entwicklung der agrarpolitischen Rahmenbedingungen in immer kürzer werdenden Abständen zu geben. Jedoch produzieren Milcherzeuger im Rahmen der bisher bestehenden Milchmarktordnung, trotz zeitweilig größerer Schwankungen des Milchpreises, gegenüber anderen tierischen Primärprodukten mit geringerem Preisrisiko. Aber auch Milcherzeuger unterscheiden sich als Mengenanpasser nicht von anderen landwirtschaftlichen Produzenten. Sie können Preise im wesentlichen nicht beeinflussen und müssen daher stetig die Produktivität erhöhen und die Stückkosten senken, um bei tendenziell steigenden pagatorischen und Opportunitätskosten die notwendige Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Diesem Druck ist nur standzuhalten, wenn unter den jeweiligen Standort- und einzelbetrieblichen Bedingungen strategisch die richtigen Entscheidungen getroffen werden und davon die Planungen und Handlungen für die aktuelle Produktionsorganisation abgeleitet werden. Die Anforderungen an das betriebliche Management steigen. Für die ökonomisch effiziente Milcherzeugung muss besondere Beachtung finden, dass Milchviehhaltung mehr als andere landwirtschaftliche Produktionszweige Kapital und Arbeit bindet und damit hohe Nutzungskosten verursacht. Auch im Flächenanspruch ist sie standortabhängig nicht ohne Konkurrenz. Auf dem Grasland besteht mehr oder weniger Konkurrenz zu anderen Produktionsverfahren der Rinderhaltung. Uneingeschränkt hart ist auf den meisten Standorten die Flächenkonkurrenz zum Marktfruchtbau bezogen auf die für hohe Milchleistungen notwendige energiereiche Konservatfutterbereitstellung (Silomais) vom Acker. Diese Bindung von Arbeit, Kapital und Fläche verursacht Nutzungskosten, die für eine objektive Einschätzung der Wirtschaftlichkeit als Verhältnis von Leistungen und Kosten standort- und betriebsdifferenziert berücksichtigt werden müssen. Im Vortrag werden Zusammenhänge und quantitative Ergebnisse zur gegenwärtigen Lage in der Milcherzeugung begründet. Sie basieren auf Modellrechnungen mit betriebswirtschaftlich üblicher Zuordnung der direkten und kalkulatorischen Kostenpositionen. Datenmäßig werden realtypische Annahmen aus Planungsnormativen und eigenen Erfahrungen bei der Analyse und Planung in erster Linie ostdeutscher Betriebe zugrunde gelegt.
2 Tendenzielle Aussagen: (1.) Die Wirtschaftlichkeit der Milcherzeugung ist von einer Vielzahl von Faktoren abhängig. Von den beeinflussbaren Faktoren nimmt die Höhe der Milchleistung je Kuh eine herausragende Stellung ein. Eine für den Leistungsbereich von 6000 - 10000 kg Milch pro Kuh durchgeführte Kalkulation der Vollkosten für ein Produktionsverfahren Milchviehhaltung auf der Basis einer Neuinvestition in eine Milchviehanlage (KTBL) und optimistischen Annahmen zur Grundfutterleistung führt zu einer Reduktion der durchschnittlichen Totalkosten (DTK) um 10 - 12 ct pro kg Milch. Bei freien Lieferrechten ergibt die Steigerung der Milchleistung über die gesamte Leistungsspanne etwa konstante Grenzgewinne pro kg Milchleistungssteigerung. Diese reduzieren sich in ihrer Höhe um den abzuschreibenden Betrag im Falle des Quotenzukaufs. Auch die in der Praxis übliche Leistungssteigerung im Rahmen bestehender Quoten verbunden mit Bestandsabstockung ist aus der Sicht ihrer wirtschaftlichen Vorteile unumstritten. (2.) In der Kostenstruktur der Milcherzeugung dominieren die Futterkosten (Grund- und Kraftfutter) vor Arbeitskosten und Jahresstallplatzkosten gefolgt von den Bestandsergänzungskosten (nach Vollkosten der Färsenaufzucht). Alle vier Kostenpositionen unterliegen der Degression pro kg Milch mit der Leistungssteigerung pro Kuh bei freien Lieferrechten. Mit Ausnahme der Stallplatzkosten gilt das auch für den Fall der Bestandsabstockung bei gleichbleibender Gesamtliefermenge. Nach der betriebswirtschaftlichen Kalkulation liegt die Gewinnschwelle zwischen 7000 und 8000 kg Milch/Kuh, wenn mit Abschreibungen auf der Basis des Wiederbeschaffungspreises eines Kuhplatzes durch Neubau und eines normativen Arbeitsbedarfs (KTBL) kalkuliert wird. Abweichungen im Futterregime mit einer deutlich geringeren Grundfutterleistung, wie es noch sehr verbreitet Praxis ist, führen zu erhöhten Durchschnittskosten. Das gilt ebenso durch höheren Arbeitsaufwand (Akh) pro Kuh. (3.) Zur Steigerung der Wirtschaftlichkeit der Milchproduktion im Quotensystem werden in der betrieblichen Praxis Fütterungsregimes verfolgt, die von einer ökonomischen Vorteilswirkung der Milcherzeugung, d. h. mehr Milchgeld bei niedrigem Fettgehalt im Rahmen der Quote ausgehen. Rechnerisch können gewisse Vorteile nachgewiesen werden. Die ermittelte Größenordnung des Vorteils je Kuh ist bei exakter Umrechnung der Referenzmilch jedoch eher für gering zu halten. Da aber die praktizierten Fütterungsregimes gleichzeitig auf eine maximale Grundfutterleistung abzielen, sind sie aus ökonomischer Sicht auf Grund des erkennbaren Synergieeffektes betriebswirtschaftlich in jedem Fall von Vorteil. (4.) Es gehört zur strategischen Unternehmensführung der Landwirte sich mit der Frage zu beschäftigen, ob bzw. in welchem Umfang sie in die Milchproduktion (Stallplatz und/oder Milchquote) investieren sollten. Kriterium dafür ist, dass das eingesetzte Kapital verzinst und unter Berücksichtigung eines abzuschätzenden Risikos zurück gewonnen werden kann. Das er3. Jahrestagung – Dresden-Pillnitz, 17./18.09.2002 3 fordert eine individuelle Beurteilung der einzelbetrieblichen Ausgangssituation hinsichtlich der periodisch zu erwartenden Nettoeinzahlungen je nachdem, welche Produktionsfaktoren vorab zu entlohnen sind. Davon ist abzuleiten, bis zu welcher Höhe z.B. die Finanzierung von Quotenzukauf und Stallplatzmodernisierung betriebswirtschaftlich möglich ist (zulässige Investitionsgrenze). Sich ändernde agrarpolitische Einflüsse müssen berücksichtigt werden. Die gegenwärtige Halbzeitbewertung der GAP diskutiert vier Optionen der spezifischen Rahmenbedingungen für die künftige Milchproduktion. Wenngleich damit Prognosen für die Wirtschaftlichkeit noch schwierig sind, wird durch Anpassungsreaktionen die Milcherzeugung auch in Zukunft zu den wichtigsten landwirtschaftlichen Produktionszweigen gehören.
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