| Beschreibung | Vorträge – Seite 4 Melkzeugpositionierung und -konstruktion Dr. Sandra Rose und Prof. Dr. agr. habil. Reiner Brunsch Leibniz-Institut für Agrartechnik Potsdam-Bornim e. V. (ATB), Max-Eyth-Allee 100, D – 14469 Potsdam Einleitung Aufgrund negativer Auswirkungen auf Eutergesundheit und Melkleistung kommt der Melkzeugpositionierung besondere Bedeutung zu. Unsachgemäß angesetzte Melkzeuge verdrehen die Zitzen und verursachen so ungenügendes Ausmelken dieser Viertel. Das wiederum begünstigt das Entstehen von akuten Mastitiszuständen (TRÖGER, 2003). Ein wichtiger Baustein für erfolgreiches Melken ist daher die optimale Positionierung des Melkzeuges. Beim korrekten Melken muss das Melkzeug gerade und frei unter der Kuh am Euter hängen. Das Melkzeug muss rhythmisch pulsieren (ZSCHÖCKE et al. 1998; LINCKE 2000). TRÖGER (2003), CIELEJEWSKI (2004) und SCHEIBEL (2004a, b) empfehlen, dass der lange Milchschlauch so bemessen sein sollte, dass das Gewicht des Melkzeuges möglichst gleichmäßig auf die Zitzen verteilt wird. Zur optimalen Positionierung der Melkzeuge werden von unterschiedlichen Herstellern verschiedenste Systeme angeboten. Diese werden unterteilt in einfache Positionierungshilfen (z.B. Gummimuffen an der Grubenkante) und hoch entwickelte Servicearme. Diese sind in der Lage, neben der optimalen Positionierung das manuelle Ansetzen des Melkzeuges zu erleichtern sowie bei Bedarf das Nachmelken vor der automatischen Abnahme zu übernehmen (PELZER und ALBERS, 2004). Trotzdem kann die Positionierung der Melkzeuge in den meisten Betrieben nicht als optimal angesehen werden (LKV Brandenburg, 2002). Anzeichen wie unterschiedlicher Ausmelkgrad, schlechter Milchfluss und "Dauermelker" können Folgen von schlecht positionierten Melkzeugen sein. Damit ist eine hohe Gewebsbelastung verbunden, die das Euter für Mastitiden prädisponiert. Weiterhin werden Hebelkräfte des langen Milchschlauches über das Sammelstück an die Melkbecher weitergegeben. Dadurch kann es zum Abknicken der Zitzen und einem gestörten Milchfluss kommen. Besonders problematisch ist das Ansetzen der Melkzeuge bei stufiger Euterform. An den vorderen Melkbechern kommt es häufig zu Lufteinbrüchen und Haftproblemen. Die Melkbecher an den hinteren Vierteln klettern zu früh, der "Fürstenberg'sche Venenring" schwillt an, die Melkgeschwindigkeit lässt nach. An den schneller leer werdenden Vordervierteln wird sehr lange blind gemolken. Der Strichkanal und Schließmuskel sind dabei hohen mechanischen Belastungen ausgesetzt. Die Infektionsabwehr der Zitze wird beeinträchtigt und die Gesamtmelkzeit verlängert (WORSTORFF und GÖFT 1989; LINCKE 2000).
Vorträge – Seite 5 Methodik Im Rahmen einer Untersuchung zum Auftreten von Kräften am Euter beim Einsatz verschiedener Melkzeuge und Positionierungshilfen wurden in der Baulehrschau der ITH Grub (LfL) an den verschiedenen Melkständen die Kräfte mittels des DLG-Prüfstandes erfasst. Es erfolgt eine gleichzeitige Messung der Vertikal-, Dreh-, Längs- und Querkräfte. Die Funktionsweise der Messaufnehmer beruht auf dem Prinzip der DMS-Kraftmessung über Verformungskörper in Brückenschaltung. Die Zitzen sind aus Silikon gefertigt (nach DIN ISO 6690). Die Messungen erfolgten mit einem euterbezogenen Durchfluss von 5 kg/min, da die Durchflusshöhe nur einen geringen Einfluss hat (HUSCHKE, 2003). Die Messzeit je Durchlauf betrug 30 s, die daraus resultierenden 30 Einzelwerte bilden die Grundlage für die anschließenden Mittelwertberechnungen. Es wurden an allen vorhandenen Melkstandformen die Kräfte bei den Euterformen normal, stufig und weitstehend mit je 5 Wiederholungen erfasst: • SbS (DeLaval mit Positionierhilfe), • 3 × FGM 50° (Fullwood mit Schlauchklemme), • 3 × FGM 33° (Happel mit Nachmelkautomatik, Positionierhilfe) und • 2 × Tandem (Westfalia mit Schlauchklemme) Kräfte am Euter bei verschiedenen Melkständen Abbildung 1: Vertikalkräfte am Euter bei stufiger Euterform und verschiedenen Melkstandformen
Vorträge – Seite 6 In Abbildung 1 ist deutlich zu erkennen, dass es bei stufiger Euterform (hinteres Viertel 50 mm tiefer) nicht möglich ist, eine gleichmäßige Verteilung der Kräfte auf alle Viertel zu erreichen. Der korrekte Einsatz von Positionierungshilfen trägt jedoch zu ausgeglichenen Kräften zwischen den einzelnen Vierteln bei. Des Weiteren wurden verschiedene Varianten der Positionierung des langen Milchschlaues untersucht: • langer Milchschlauch nach vorne, nach hinten, nach links bzw. rechts • Positionierung mit / ohne Schlauchführungshilfe Abbildung 2: Vertikalkräfte am FGM 50° mit verschiedenen Positionierungsvarianten In Abbildung 2 zeigt sich deutlich, dass ein nicht mittig ausgerichteter Schlauch erhebliche Ungleichverteilungen zwischen den einzelnen Zitzen hervorruft. Jedoch auch bei der vermeidlich korrekt ausgerichteten Variante sowie bei dem nach vorne geschobenen Melkzeug ist keine gleichmäßige Verteilung der Kräfte auf die einzelnen Zitzen möglich. Als problematisch ist hierbei immer das Sammelstück und die Elastizität der kurzen Milchschläuche zu bewerten. Durch die dadurch relativ starre Konstruktion des Melkzeuges ist eine individuelle Anpassung an die einzelnen Euterviertel nicht möglich.
Vorträge – Seite 7 Bei einem korrekt ausgerichteten Melkzeug treten kaum horizontale Längs- bzw. Querkräfte auf. Die Ausrichtung des langen Milchschlauches (LM) nach links, rechts und hinten zeigt sich deutlich in der Abweichung von der Normalstellung der Zitzen. Abbildung 3: Resultierende Horizontalkräfte bei verschiedenen Positionierungsvarianten im FGM 50° Zusammenfassung und Schlussfolgerungen / Empfehlungen Die in den meisten Melkständen notwendige Ableitung des langen Milchschlauches Richtung Melkflurkante darf nicht zum Verdrehen einzelner Zitzenbecher oder des ganzen Melkzeuges führen. Generell kann festgestellt werden, dass sich Melkzeuge um so schlechter an Euterformen anpassen können, je kürzer und härter die kurzen Milchschläuche sind. Dabei spielt das Gewicht eine untergeordnete Rolle. Oftmals weisen leichte Melkzeuge harte Schläuche auf (ROSE, 2004). Besonders bei stufigen Eutern wird empfohlen, an den vorderen Melkbechern kurze Milchschläuche mit einer Länge von 1600 bis 1800 mm einzusetzen. Silikonschläuche sind leichter und biegsamer und somit besser für eine optimale Positionierung geeignet als Gummischläuche. Gleichfalls ist es notwendig, die Melker regelmäßig zu schulen -150
Vorträge – Seite 8 sowie mit dem Einsatz von Neuentwicklungen vertraut zu machen und den regelmäßigen und korrekten Einsatz von Positionierungshilfen zu prüfen. Grundsätzlich sollten in allen Melkstandtypen Schlauchführungshilfen (mindestens Schlauchklemmen) Verwendung finden. Weiterer Forschungsbedarf Die vorliegenden Ergebnisse zeigen, dass noch Forschungsbedarf in Bezug auf die Melktechnik besteht, um die bestehenden Probleme der Eutergesundheit zu reduzieren. Die Melkzeuge und Positionierungshilfen müssen verbessert werden, um auch bei einer zunehmenden Anzahl von "Problemeutern" eine optimale Positionierung und Anpassung der Melkzeuge an die Euter zu gewährleisten. Bei züchterischen Anstrengungen zur Verbesserung des maschinentauglichen Euters sollte zukünftig die Eutermorphologie stärker beachtet werden. Des Weiteren sollte über die grundlegende Veränderung des konventionellen Melkzeuges nachgedacht werden. Das konventionelle Melksystem ist dem automatischen Melken zurzeit wirtschaftlich überlegen. Dennoch haben einige automatische Melksysteme schon jetzt einen deutlichen Vorteil gegenüber den konventionellen Melkständen: das viertelindividuelle Melken. Das Ansetzen und Positionieren der Melkbecher ist exakter. Kräfte, welche vom Melkzeug auf das Euter übertragen werden, können auch bei Problemeutern nahezu verhindert werden. Eine getrennte Ableitung der Euterviertelgemelke wäre daher hinsichtlich der korrekten Positionierung als positiv zu bewerten. Das viertelindividuelle Melken im konventionellen Melkstand bietet Vorteile. Der Melker wird von Routinearbeiten entlastet und kann sich intensiver der Kontrolle/Überwachung des Melkens widmen. Insbesondere die Gewebebelastung des Euters würde durch eine bessere Positionierung erheblich gemindert und so eine Ursache für Eutergesundheitsprobleme eliminiert. Die hohen Investitionskosten durch den automatisierten Ansetzvorgang und die Melkstandfütterung können eingespart werden. Das neue System würde sich insbesondere für Betriebe mit großen Herden eignen. Hier besteht ein großer Forschungsbedarf für die nächsten Jahre. Wenn eine exaktere Positionierung der Melkzeuge realisiert wird, können in den nächsten Jahren im "euterschonenden Milchentzug" große Fortschritte erreicht werden. Literaturverzeichnis Cielejewski, H. (2004): Technikausstattung im Melkstand. Landwirtschaftskammer Westfalen/Lippe, Url: www.landwirtschaftskammer.com/technik/melkstand.htm. Huschke, W. (2003): Prüfstand zur Erfassung von Dreh-, Zug- und Hebelkräften an der Zitze durch unterschiedliche Melkzeuge. 6. Tagung Bau, Technik und Umwelt in der landwirtschaftlichen Nutztierhaltung, S. 114-117.
Vorträge – Seite 9 Lincke, K. (2000): Wenn das Melkzeug falsch hängt … DLZ, Jg. 52, H. 1, S. 94-96. Landeskontrollverband Brandenburg (2002): Jahresbericht, S. 53. Pelzer, A.; Albers, E. (2004): Trends in der Melk- und Kühltechnik. Landtechnik 59, 6, S. 314-315. Rose, S. (2004): Euterprobleme durch Servicearme. Elite 01/2004, S. 46-49. Scheibel, B. (2004a): Steile Fischgräte entlastet den Rücken. top agrar, Jg. 15, H. 5, S. R6-R8. Scheibel, B. (2004b): Viel Luft und reichlich Platz. Neue Landwirtschaft, Jg.15, H.10/2004, S.59-61. Tröger, F. (2003): Abschaltautomatik hat ihre Tücken. DLZ, Jg. 54, H. 12, S. 68-71. Worstorff, H.; Göft, H. (1989): Bessere Milchabgabe durch fachgerechtes Ausrichten des Melkzeuges. Milchpraxis Jg. 27, H. 1, S. 16-19. Zschöck, M.; Kloppert, B.; Wolter, W.; Seufert, H.; Schwarz, H.; Kötting, C. (1998): Zellzahlen der Milch in großen Beständen. Rationalisierungskuratorium für Landwirtschaft, Sonderdruck 4.2.2.1 eigene Notizen:
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