| Beschreibung | 1 Entwicklung der Zitzen- und Eutermaße - Einflüsse auf melktechnische Faktoren und Eutergesundheitsparameter Graff, Katja & Prof. Dr. Geidel, Steffi (HTW Dresden) 1 Aktuelle Euter- und Zitzenmaße der Rasse Holstein Friesian Schwarzbunt Im Rahmen eines Forschungsprojektes (Zeitraum Oktober 2001 bis Dezember 2002) wurden in sieben sächsischen Milchviehbetrieben unterschiedlicher Regionen die äußere Zitzen- und Eutermorphologie von ca. 2.100 Tieren in Abhängigkeit zur Laktationsnummer und zum Laktationsstadium erfasst. Es ergaben sich die mittleren Zitzenmaße von 23,8 mm (vorn) und 23,5 mm (hinten) für den Zitzendurchmesser bei den Extremwerten von 18 mm und 36 mm sowie für die Zitzenlänge 5,5 cm (vorn) und 4,5 cm (hinten) bei den Extremwerten von 2,0 cm und 9,5 cm. Damit hält der seit einigen Jahrzehnten in der Literatur beschriebene Trend der Verkürzung der Zitzen weiterhin an. Eine tendenzielle Verringerung des Zitzendurchmessers wurde nicht festgestellt. Hinsichtlich des Bodenabstandes der Zitzenkuppe wurde ein Mittelwert von 45,8 cm (vorn) und 46,2 cm (hinten) mit Minimum 20 cm und Maximum 69 cm ermittelt. Der Abstand zwischen den Zitzen ergibt sich bei den Vordervierteln mit durchschnittlich 18,8 cm (5 cm bis 42 cm) und bei den Hintervierteln 9,2 cm (0 cm bis 35 cm). Bei den Merkmalen Zitzenlänge, Zitzendurchmesser und Bodenabstand werden damit die in der Literatur angegebenen optimalen Zitzenmaße für ein „melkmaschinentaugliches Euter“ verlassen. Für den Zitzenabstand stellt sich die große Variabilität der Merkmalsausprägung als problematisch dar. So liegen z.B. unter dem Optimalwert von >5 cm für die Zitzenlänge 44,3 % der Vorderzitzen und 84,8 % der Hinterzitzen. Als zu lang können nur sehr wenige Zitzen (vorn und hinten) eingestuft werden. Bei Untersuchungen zur inneren Zitzenmorphologie konnten ca. 230 Zitzen vermessen werden. Der Mittelwert der Strichkanallänge betrug 11,5 mm (7,1 mm – 19,1 mm). Damit wurden die Untersuchungen aus der Literatur bestätigt. Nach aktuellen Untersuchungen liegt das eutergesundheitsrelevante Optimum zwischen 10,5 mm bis 12,5 mm. In den vorliegenden Untersuchungen lagen 28,1 % unter und 27,5 % der gemessenen Strichkanäle über diesem Optimum.
2 2 Bedeutung der Morphologie für das Melken 2.1 Zusammenhang zwischen der Eutermorphologie und melktechnischen Parametern Hinsichtlich der folgenden Aspekte ist die Entwicklung der Eutermorphologie wesentlich für die Funktion der Melktechnik: Melkzeughaftung bei schmalen / dicken Zitzen Entlastung kurzer / langer Zitzen Melkzeugpositionierung bei engen / weiten Zitzenstellungen Melkzeugpositionierung bei geringen / hohen Euterbodenabständen Bei unterschiedlichen Zitzenlängen wird aufgrund der Bauweise des Melkbechers eine differenzierte Wirkung der Entlastungsphase erwartet. Dies wird mit der Eindringtiefe der Zitze in den effektiv kollabierenden Bereich des Zitzengummis sowie der Anlagefläche an die Zitzen begründet. In einem dazu durchgeführten Versuch wurde unter praktischen Bedingungen der melktechnische Einfluss auf die Entlastung des Zitzengewebes während des Melkprozesses an unterschiedlichen Zitzen über die Messung der Vakuumverhältnisse im Pulsraum und im Zitzenbecherinnenraum während des vollständigen Melkprozesses ermittelt. Für die Berechnung der Druckapplikation auf die Zitze wurden die Vakuumverläufe während des höchsten Milchflusses des Gesamtgemelkes (Auswertung LactoCorder® – Aufzeichnung) in einem Zeitraum von 5 Sekunden herangezogen. Es wurde ein gesicherter Zusammenhang zum Höchsten Milchfluss festgestellt. Abbildung 1: Druckapplikation in Abhängigkeit vom Milchfluss Drucksumme in kPa über 5 sec
3 Die ermittelten Zusammenhänge zur Zitzenlänge erfordern weiterreichende Untersuchungen, um die Sicherheit der Aussagen zu erhöhen. Abbildung 2: Zusammenhang Zitzenlänge und Druckapplikation bei Milchfluss von 3 kg/min 2.2 Beziehungen zwischen Eutermorphologie und Eutergesundheit Untersucht wurden die Zusammenhänge zwischen der Eutermorphologie und SCS (somatic cell score) anhand der Merkmale Zitzendurchmesser, Zitzenlänge, Bodenabstand der Zitzenkuppe und Ausprägung der Hyperkeratosen. Für die Beziehungen zu den morphologischen Merkmalen ergeben sich durchgängig geringe phänotypische Korrelationen im Bereich zwischen rP = -0,10 und rP = 0,07. Positive signifikante genetische Korrelationen bestehen zwischen den Zitzendurchmessern (rG = 0,27), der Zitzenlänge (rG = 0,35) sowie der Ausprägung der Hyperkeratosen (rG = 0,30) und dem SCS. Demnach sind bei Tieren mit längeren, dickeren Zitzen und einer starken Ausprägung von Hyperkeratosen höhere Zellzahlgehalte zu erwarten. Negative genetische Korrelationen bestehen zwischen dem SCS und dem Bodenabstand (rG = -0,37). Tiere mit geringem Bodenabstand besitzen eine genetische Veranlagung für hohe Zellgehalte. Drucksumme in kPa über 5 sec
4 Tabelle 1: Korrelationen zwischen SCS und Merkmalen der Morphologie vorn hinten rP rG SErG rP rG SErG Zitzendurchmesser 0,03 0,27 0,11 0,04 0,26 0,11 Zitzenlänge -0,02 0,35 0,09 -0,01 0,13 0,10 Bodenabstand -0,09 -0,37 0,09 -0,10 -0,31 0,10 Hyperkeratosen 0,06 0,25 0,10 0,07 0,30 0,11 Die bestehenden genetischen Beziehungen werden durch die vorhandenen melktechnischen Voraussetzungen in den phänotypischen Korrelationen zwischen den morphologischen Merkmalen und SCS nicht mehr nachgewiesen. Aus dem vorliegenden Datenmaterial ergeben sich keine Zusammenhänge zwischen dem Abstand der Zitzen und der Eutergesundheit. Die genetische Beziehung der Ausprägung der Hyperkeratosen zum SCS wird begleitet von den phänotypischen Beziehungen zum Zitzendurchmesser und zur Zitzenlänge. Daraus ergibt sich, dass lange Zitzen aufgrund der verstärkten Ausprägung von Hyperkeratosen zu hohen somatischen Zellzahlen neigen. Abbildung 3: phänotypische Beziehung zwischen Hyperkeratosen und Zitzenlänge sowie Zitzendurchmesser
5 3 Schlussfolgerungen Das Bestehen von Zusammenhängen zwischen der inneren und äußeren Zitzenmorphologie und der Eutergesundheit (SCS) wurde in den durchgeführten Untersuchungen bestätigt. Das „melkmaschinentaugliche“ Euter nach Literaturangaben mit Zitzenlängen 5 cm – 7 cm, Zitzendurchmesser > 22 mm, Zitzenabstand (vorn >10 cm, hinten > 5 cm) und Bodenabstand > 45 cm zeigen lediglich 9 % der Tiere. Gefunden wurde eine Tendenz zu kürzeren Zitzen sowie trotz züchterischer Berücksichtigung keine Veränderung des Bodenabstandes zu Untersuchungen der vorangegangenen Jahrzehnte. Aus melktechnischer Sicht muss die tendenzielle Entwicklung der Zitzen- und Eutermaße gestoppt werden, da eine weitere Verringerung der hinsichtlich der Melkzeughaftung relevanten Zitzenoberfläche technisch nicht mehr kompensierbar ist. Das Merkmal Bodenabstand (Heritabilität in untersuchter Population h² = 0,52) ist züchterisch weiter in den Vordergrund zu stellen. Ein Zusammenhang zu Eutergesundheitsproblemen wurde wiederholt nachgewiesen. Die Zusammenhänge zwischen der Eutermorphologie und einer Verschlechterung der Eutergesundheit im Sinne einer Erhöhung der somatischen Zellzahl zeigen sich schwerpunktmäßig durch: dicke Zitzen mit signifikant kurzen Strichkanälen lange Zitzen mit signifikant verstärkt ausgeprägten Hyperkeratosen Der Zusammenhang zwischen der Zitzenmorphologie und der Funktion der Melktechnik, speziell der Funktion des Zitzengummis, muss dringend weiter untersucht werden. * Die verwendeten Projekte zur Erarbeitung der Ergebnisse wurden durch die Sächsische Landesanstalt für Landwirtschaft unterstützt.
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