| Beschreibung | 1 Melkhygiene - Erhaltung der Eutergesundheit und Milchqualität Dr. Martin Spohr Tiergesundheitsdienst Stuttgart der Tierseuchenkasse Baden-Württemberg Die Zitze des Rindereuters ist die erste entscheidende Barriere gegenüber der belebten Umwelt und damit ein entscheidendes Organ zur Vermeidung bakterieller Infektionen des Euters. Da sie durch das tägliche Melken, durch Klimafaktoren und haltungsbedingte Einflüsse belastet wird, sind Hygiene- und Pflegemaßnahmen zur Erhaltung der Zitzenfunktion erforderlich. Hygiene- und Pflegemaßnahmen erstrecken sich auf die Eutervor- (Zitzenreinigung, desinfektionsmittelhaltige Reinigungslösungen, Predipping) und Euternachbereitung (Postdipp, Barrierdipp, Melkfette und -emulsionen). Die Zitzenreinigung soll die Kontamination der Zitzenkuppe mit Schmutzbakterien reduzieren, um ein Eindringen dieser Erreger während des Melkens zu vermeiden. Unter Praxisbedingungen wird häufig nur der Zitzenschaft gereinigt, während die Strichkanalöffnung, die eigentliche Eintrittspforte in das Euter, ungereinigt bleibt. Die Verwendung von Eutertüchern oder Lumpen für mehrere Kühe ist nicht akzeptabel, da eine Verbreitung von Schmutzkeimen und Kuh-assoziierten Mastitiserregern (z.B. Staph. aureus, Str. agalactiae) möglich ist. Die feuchte Euterreinigung (Euterdusche oder Eimersystem) sollte für stark verschmutzte Euter reserviert bleiben. Der großflächige Einsatz von Wasser löst die Schmutzbakterien von der Haut und ermöglicht einen Transport dieser potenziellen Mastitiserreger durch Kapillarkräfte in den Strichkanal. Darüber hinaus kann der verbleibende Feuchtigkeitsfilm die Reibungskräfte zwischen Zitzenhaut und Zitzengummi deutlich verändern, sodass Haftschwierigkeiten oder vorzeitiges Klettern der Melkbecher resultieren. Eine gründliche Nachtrocknen aller angefeuchteten Euterteile ist daher zwingend erforderlich. Desinfektionsmittelhaltige Zitzenreinigungslösungen enthalten im deutschsprachigen Raum überwiegend Chloramin T als desinfizierende Komponente. Um eine vollständige Abtrocknung der Zitzenhaut vor Ansetzen des Melkzeuges zu erreichen ist entweder das Nachtrocknen mit einem Einwegpapiertuch oder der Zusatz nennenswerter Mengen Ethanol notwendig. Neben der Desinfektion der Zitzenhaut ist die Händedesinfektion als weiterer wichtiger Effekt bei der Vermeidung der Erregerübertragung anzusehen. Von der Verwendung desinfektionsmittelhaltiger Reinigungslösungen ist das sog. Predipping (Zitzendesinfektion vor dem Melken) zu unterscheiden. Hierbei wird die Zitze in ein Desinfektionsmittel eingetaucht, welches nach einer Einwirkzeit von mind. 30 sek. wieder abgespült oder abgewischt wird. Dieses Verfahren soll in Problembetrieben mit Umwelt- assoziierten Mastitiserregern eine Reduktion der Mastitisrate um bis zu 50% erzielen, wobei die Ergebnisse betriebs1. Jahrestagung – Bad Sassendorf, 17./18.01.2000 2 weise stark unterschiedlich sind. Ein positiver Effekt auf die Häufigkeit von Staphylokokkenmastitiden ist umstritten. Tabelle 1: Wirksamkeit des Predippings Parameter Reduktion (%) Intramammärer Infektionen 47,5 - 57* Klinische Mastitiden durchschn. 46* (0 - 68) 2 Betriebe sign. Klinische Neuerkrankungen durchschn. 48* (12 - 67) 2 Betriebe sign. PANKEY et al., 1987, * Reduktion ist statistisch signifikant Im Vergleich zu Desinfektionsmittel-haltigen Reinigungslösungen sind Präparate für das Predipping in der EU bislang nicht zugelassen. Als Kompromiss zwischen der Desinfektionsmittelunterstützten Zitzenreinigung und dem Predipping ist ein Verfahren zu nennen, bei dem die Zitze in einen Desinfektionsmittel- und Tensid-haltigen Schaum getaucht und anschließend mit einem Einwegtuch abgewischt wird. Dieses Verfahren vereint einen guten Reinigungseffekt mit einer guten Handhabung bei Erhaltung einer guten Zitzenhautkondition. Die Zitzendesinfektion nach dem Melken (Postdipping) hat sich in den letzten Jahrzehnten als wichtiges Element von Euterhygieneprogrammen etabliert. Als Desinfektionsmittel dient eine Vielzahl chemischer Substanzen (Jod, Chlorverbindungen, Peressigsäure, QAV, LDBS), die durch verschiedene Trägerstoffe und hautpflegende, bzw. rückfettende Substanzen ergänzt werden. Die Wirksamkeit des Postdippings erstreckt sich auf die sogenannten Kuh-assoziierten Mastitiserreger, eine Reduktion der Mastitisrate durch coliforme Keime und Fäkalstreptokokken wurde nur vereinzelt beschrieben. Die in einzelnen Fällen aufgetretenen Zitzenhautirritationen konnten in der jüngeren Vergangenheit durch eine Erhöhung des Anteils hautpflegender Substanzen und eine Änderung der Trägersubstanzen (z.B. PVP-Jod) reduziert werden. Bei den verwendeten hautpflegenden Substanzen unterscheidet man zwischen Präparaten, die die Haut feucht (humectants), bzw. geschmeidig halten (emollients) und dadurch der Ansiedlung pathogener Mikroorganismen entgegenwirken. Die Verwendung hautpflegender Substanzen ohne Desinfektionsmittel an der Zitze (Melkfett, Eutersalbe) kann die Konzentration von Mastitiserregern (Staph. aureus) erhöhen, darüber hinaus sind aus bereits angebrochenen Melkfettdosen in der Regel nennenswerte Gehalte an Schmutzbakterien zu isolieren. Um Mastitiden in der Trockenstell- und Aufeuterungsphase zu reduzieren, wurden sog. Barriere- Dips entwickelt, die einen belastungsfähigen, atmungsaktiven, flexiblen und Desinfektionsmittelhaltigen Film auf der Zitzenkuppe hinterlassen. Die durch die Barriere-Dips verursachten
3 Reduktionen der Infektionsraten gelten für alle gewöhnlichen Erregerarten, wenngleich bei einzelnen Untersuchungen ein Anstieg der Mastitisraten feststellbar war. Tabelle 2: Anwendung und Wirksamkeit verschiedener Desinfektionsmittel als Postdipp Mittel Konzentration (%) wirksam gegen ....... im Feldversuch im Laborversuch Chlorhexidin 0,35 - 0,55 Strep. uberis C. bovis Staphylokokken Staph. aureus Strep. agalactiae Jod 0,05 - 1 Staphylokokken Streptokokken C. bovis Staph. aureus Strep. agalactiae LDBS 1,94 Staph. aureus Strep. agalactiae Staph. aureus Strep. agalactiae Org. Säuren 0,85 - 6 Umweltkeime Staph. aureus C. bovis Staph. aureus Strep. agalactiae QAV 0,5 Staph. aureus C. bovis Strep. agalactiae Natriumchlorid + Milchsäure 0,64 Staphylokokken Streptokokken Staph. aureus Strep. agalactiae nach NATIONAL MASTITIS COUNCIL (1997) Tabelle 3: Wirksamkeit von Barriere-Dipps Erreger Änderung der Infektionsrate (%)* Staph. aureus +64 - -79 CNS +57 - -40 Strep. agalactiae +43 - -68 alle Erreger +31 - -43 * + = Erhöhung; - = Reduzierung; Ergebnisse mehrerer Studien und unterschiedlicher Präparate; NICKERSON, 1995
4 Als wichtigste Einflussgrößen auf die Wirksamkeit der Präparate ist die Haftungsdauer an der Zitzenkuppe, sowie die Desinfektionsmittelart und -konzentration festzustellen. Neben der Anwendung bei trockenstehenden Kühen wurde auch der Einsatz in der Laktation zur Reduktion der Infektion mit Umwelt- assoziierten Mastitiserregern mit Erfolg überprüft. Ausblick: Die Bedeutung der Zitzendesinfektion nach dem Melken als Maßnahme zur Senkung des Infektionsdrucks in Herden mit mittlerer bis hoher Mastitisrate steht außer Frage. Es konnte aber gezeigt werden, dass die regelmäßige Applikation von Desinfektionsmitteln zu einer Veränderung der bakteriellen Besiedlung der Zitzenkuppe und des Strichkanals führt. Sowohl C. bovis als auch koagulase-negative Mikrokokken, die in Betrieben mit niedriger Mastitisrate einen protektiven Effekt gegen Staph. aureus- und E.coli-Infektionen entwickeln, werden durch die Zitzendesinfektion reduziert. Eine Häufung von klinischen Mastitiden und intra-mammären Infektionen verursacht durch E. coli konnte beobachtet werden. Vor einem voreiligen Beenden der Zitzendesinfektion muss jedoch gewarnt werden. Zum einen ist das Postdipping für Betriebe mit mittlerer bis hoher Mastitisinzidenz weiterhin zwingend notwendig, um den Infektionsdruck durch Kuh-assoziierte Mastitiserreger niedrig zu halten. Zum anderen muss bei Betrieben mit niedriger Staph.-aureus-Mastitisinzidenz nach Beendigung der Zitzendesinfektion mit einer kurzfristigen Häufung von Staph. aureus-Mastitiden gerechnet werden, bis sich eine ausreichend starke Population mit C. bovis und koagulase-negativen Mikrokokken gebildet hat. Auch wenn der Einsatz von Zitzen-Desinfektionsmitteln in absehbarer Zeit nicht zu vermeiden ist, so können durch weitere Untersuchungen im Bereich der Dynamik von Bakterienpopulationen und deren gezieltem Einsatz zur Zurückdrängung von Mastitiserregern, neue Möglichkeiten der Mastitisprävention entwickelt werden. Dies würde besonders in Betrieben mit niedriger Tankzellzahl, aber hoher klinischer Mastitisrate verursacht durch Umwelt-assoziierte Mastitiserreger, zu einer Erweiterung des Katalogs von Sanierungs- und Prophylaxemöglichkeiten führen. Anschrift des Autors: Dr. Martin Spohr Eutergesundheitsdienst Stuttgart Azenbergstr. 16 D-70174 Stuttgart
|