| Beschreibung | 48 Klauen – Nutzen und Risiko von Klauenbädern Dr. Andrea Fiedler Vier von fünf Lahmheitsursachen sind im Klauenbereich zu finden. Neben den Rusterholzschen Sohlengeschwüren sowie den zahlreichen Folgen der sog. Klauenrehe sind dies insbesondere die infektiösen Erkrankungen wie Ballenhornfäule und Klauenfäule (Dermatitis interdigitalis) und die Mortellarosche Krankheit (Erdbeerkrankheit, Dermatitis digitalis). Diese drei Erkrankungen gehören zu einem Krankheitskomplex und stellen Indikatoren für die Haltungsumwelt dar. Die Folgen dieser schmerzhaften Erkrankungen liegen auf der Hand. Die Tiere zeigen eine verminderte Milchleistung, sie magern ab, u.a. durch verminderte Futteraufnahme. Bei einer Verwertung führt dies zu einem deutlichen wirtschaftlichen Verlust. Es kommt zu Fruchtbarkeitsproblemen. Zum einen zeigen die Tiere durch die eingeschränkte Beweglichkeit die Brunst undeutlich, zum anderen bleibt die Brunst ganz aus. Es kommt zu verlängerten Zwischenkalbezeiten, die Tiere werden entweder gar nicht oder mehrmals vergeblich besamt, z.T. müssen hormonelle Behandlungen durchgeführt werden, um den Brunstzeitpunkt bestimmen zu können. Mortellarosche Krankheit (Erdbeerkrankheit, Dermatitis digitalis) Diese höchst schmerzhafte Hauterkrankung tritt meist als runde bis ovale, stark gerötete und von einem Wulst umgebene Läsion auf. Doch auch wuchernde, sog. proliferative, warzenartige Veränderungen werden in manchen Beständen beobachtet. Die überwiegend an den Hintergliedmaßen anzutreffende Lokalisation befindet sich meist am Übergang zwischen Kronsaum und Ballen und in der Fesselbeuge. Die Ausmaße schwanken zwischen Erbsen- und Handflächengröße. Abbildung 15: Mortellarosche Krankheit
49 Es handelt sich um eine Mischinfektion mit verschiedenen, charakteristischen Keimen. Zum Ausbruch kommt diese ansteckende Krankheit jedoch nur im Zusammenhang mit Stressfaktoren, die die körpereigene Abwehr senken. Eine zu hohe Feuchtigkeit, sowohl auf der Lauf-/Standfläche als auch die Luftfeuchtigkeit, führen zu erhöhtem Keimdruck. Weitere Stressfaktoren, die das Tier „schwächen“, können krankheitsbedingt sein oder vom Herdenmanagement abhängen (z.B. IBR / BVD-Infektionen; Rangkämpfe; mangelnder „Cow-Comfort“). Betroffen sind dann meist mehrere Tiere einer Herde, die Läsionen sind groß und äußerst schmerzhaft. Ballenhornfäule und Klauenfäule (Dermatitis interdigitalis) Die Ballenhornfäule beeinträchtigt im Gegensatz zur Erdbeerkrankheit das Hornwachstum, führt zu zerklüfteten, z.T. stark geschwollenen Ballen und riecht charakteristisch faulig. Die Hintergliedmaßen sind meist stärker betroffen. Diese durch Bakterien hervorgerufene überschiessende Hornproduktion am Ballen wird durch feuchtes, warmes Stallklima begünstigt. Das harte Sohlenhorn schiebt sich über den durch die zersetzenden Enzyme der Bakterien stark veränderten Ballen. Es kommt zur Taschenbildung, die Keime finden darin hervorragende Lebensbedingungen. Die Klauenfäule ist im Zwischenklauenspalt zu finden. Auch hier spielen die genannten Bakterien eine zentrale Rolle. Dazu müssen jedoch auch hier Feuchtigkeit, unsaubere Bodenverhältnisse und mangelnder „Cow- Comfort“ die Vorarbeit leisten. Die Haut im Zwischenklauenbereich weicht auf, Keime dringen ein, Gewebe beginnt abzusterben. Tylome sind auf der Oberfläche häufig betroffen. Abbildung 16: Klauenfaeule im Zwischenklauenspalt
50 Prophylaxe und Therapie Die Prophylaxe besteht v.a. bei der digitalen Dermatitis in Behebung von Stressfaktoren. Hier ist insbesondere die Liegeboxenqualität hervorzuheben, da lange Liegezeiten (tägl. insg. 12 oder mehr Stunden sind optimal) die Klaue entlasten und die Feuchtigkeit – und damit die Keimzahl – reduzieren. Eine regelmäßige Funktionelle Klauenpflege dient der Überprüfung der Klauengesundheit und hebt den Ballen aus der Gülle. Hygiene in Form von sauberen, trockenen Lauf-/ Standflächen und ggf. regelmäßiger Desinfektion (halbjährlich Reinigung und Desinfektion des Stalles) führen zu einer Keimverdünnung. Zur Therapie werden die Einzeltiere - im Rahmen der regelmäßigen Funktionellen Klauenpflege - nach trockener Reinigung der Läsionen mit geeignetem Antibiotika-Spray behandelt. Bei Ballenhornfäule ist Vorbeugung natürlich auch bedeutsam. Sie besteht aus Stallklimaverbesserung und Hygiene (s.o.). Das überschüssige, stark drückende Horn muß bei der regelmäßigen FUNKTIONELLEN KLAUENPFLEGE entfernt werden, die Taschen werden abgetragen. Kann der entzündete Ballen (meist an der Außenklaue) nicht ausreichend entlastet werden, ist ein Klotz auf der Innenklaue (darf den Ballen nicht reizen) für 2 Wochen sinnvoll. Durch das Austrocknen wird die Krankheit beherrschbar, halbjährliche Klauenpflege verhindert so eine Beeinträchtigung der Klauengesundheit. Auch die Klauenfäule ist stark von mangelhafter Hygiene (Feuchtigkeit und Gülle kombiniert) abhängig. Liegezeiten müssen beachtet werden, Lauf-/Standflächen-Hygiene ist wichtig. Zur Behandlung muß bei leichten, oberflächlichen Formen trocken gereinigt werden, ein geeignetes Antibiotika-Spray kommt zum Einsatz. In schwerwiegenden, tiefgreifenden Prozessen muß vom Tierarzt zusätzlich chirurgisch abgestorbenes und infiziertes Gewebe entfernt werden, Antibiotika kommen zum Einsatz. Klauenbäder Klauenbäder mit den „traditionellen“ Substanzen Formalin, Kupfer-/ Zinksulfat oder Peressigsäure sind nach dem Arzneimittelgesetz grundsätzlich nicht möglich. Ausnahmen bestehen bei Therapienotstand. Dann muss die entsprechende Substanz mit tierärztlichem Rezept in einer öffentlichen Apotheke bezogen werden und es gelten Wartezeiten von 7 Tagen auf Milch und 28 Tagen auf Fleisch. Dabei muss beachtet werden, dass es sich um Gefahrenstoffe handelt. Bei der Verwendung von Formalin-Lösungen kann es zu Vergiftungen kommen. Es wird zur Leichenfixation verwendet und steht im Verdacht, krebserregend zu sein. Formalin kann Klauenhorn sehr stark austrocknen. Probleme mit Kupfersulfat ergeben bei Kontakt mit feinpudrigen Metallen und Stahl: es kann zu gefährlichen Reaktionen mit starker Hitzeentwicklung bis zur Entzündung oder zur Freisetzung von entzündlichen Gasen und Dämpfen kommen. Die korrodierende Wirkung von Kupfersulfat wird beim Einsatz in der Nähe von Absperrungen etc. im Stall bald sichtbar. Für die
51 Entsorgung von Kupfersulfat und Zinksulfat ist besonders ihre starke Giftigkeit für Wasserorganismen und schädigende Wirkung in Gewässern von Bedeutung, sie dürfen nicht über die Gülle entsorgt werden. Der Umgang mit Peressigsäure birgt einige Probleme: Handelsübliche Konzentrate sind stark ätzend und brandfördernd. Wärme, Schwermetalle, aber auch organische Substanzen können die Zersetzung fördern. Bereits kleinste Mengen Zigarettenasche, Rost, Metallspäne, Münzen, ebenso Schmutzlappen, können eine spontane Erhitzung mit anschließender Selbstzersetzung herbeiführen. Der Industrieverband Hygiene und Oberflächenschutz hat deshalb eine Broschüre herausgegeben: "Sicherer Umgang mit Peressigsäure". Die meisten „Fertig-Badlösungen“ enthalten ebenfalls die genannten Substanzen oder bereiten Probleme bei der Entsorgung. Eine Lösung dieser Probleme wird seit Jahren angestrebt, ist aber bislang nicht erfolgt (Tierärztekammer, Desinfektionsmittel-Hersteller, Arbeitskreis Klauenpflege und –hygiene der DLG, etc.). Anschrift des Autors: Dr. Andrea Fiedler Heerstraße 3 81247 München
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