| Beschreibung | 9. 83 Workshop 10: Klauengesundheit: Profilaxe durch Pflege Herr Dr. P. Heimberg Rindergesundheitsdienst der Landwirtschaftskammer Nordrhein Westfalen Rusterholz’sches Sohlengeschwür: Bei diesem erstmals von RUSTERHOLZ (1920) beschriebenen Leiden handelt es sich um eine krankhafte Veränderung an der durch seine Ätiologie und Pathogenese bestimmten typischen Stelle am Übergang vom mittleren zum hinteren Sohlendrittel. Dies ist die senkrechte und damit in Belastungsrichtung gelegene Verlängerung der Ansatzstelle der tiefen Beugesehne am Klauenbein (Abbildung 18). Hauptursache dieser Erkrankung wird in der mechanischen Überlastung dieses Sohlenbereiches gesehen. Ungleiche Belastung beim Gehen mit Belastungsspitzen im Bereich der hinteren Außenklauen (Abbildung 19) führen zu schnellerem Wachstum dieser Klauen, die dadurch wiederum deutlich mehr Köperlast aufnehmen. Die Innenklauen der Vordergliedmaßen werden unter heutigen Produktionsbedingungen durch gespreizte Stellung bei der Futteraufnahme am Fressgitter oder in der Anbindung vermehrt belastet, so dass entsprechende Veränderungen auch an den inneren Vorderklauen entstehen können. Die Lederhautquetschungen führen zunächst zu Blutergüssen in der Hornsohle an der beschriebenen Stelle. Durch Ernährungsstörungen der Lederhaut wird dann minderwertiges, gelbliches und gummiartiges Horn gebildet. Es kann letztendlich zu Perforation der Hornsohle kommen. Nach Freilegen der Lederhaut ist diese mechanischen, chemischen und mikrobiellen Einflüssen der Umwelt ausgesetzt, so dass sich dann ein eitriges Geschwür entwickeln kann. Abbildung 18: Entstehung des Rusterholz’schen Sohlengeschwüres 9. 84 Die klinischen Erscheinungen variieren dementsprechend abhängig von Dauer und Ausmaß der Erkrankung. Die Symptome reichen von vorsichtig-zögerndem (klammem) Gang über geringgradige Stützbeinlahmheit bis hin zu hochgradigen Bewegungsstörungen, Muskelatrophie bei länger andauender Lahmheit und entzündliche Umfangsvermehrungen im Bereich des erkrankten Unterfußes. Durch Zug der tiefen Beugesehne am entzündeten Tuberculum flexorium kann ein Knochenfragment ausbrechen oder die Sehne selbst reißen und so durch ungenügenden Halt zu einer Kippklaue führen. Zur Vermeidung dieser Überbelastung der hinteren Außenklaue ist es notwendig, im Rahmen der funktionellen Klauenpflege nach TOUSSAINT RAVEN einen Höhenausgleich zwischen Innen- und Außenklaue zu schaffen. Dazu wird der Ballenbereich der Innenklaue so hoch wie möglich gelassen, während man versucht, den Ballen der Außenklaue auf dieses Niveau herunter zu schneiden. Abbildung 19: Belastungsspitzen an den Außenklauen beim Laufen der Kuh Klauenrehe: Die Klauenrehe des Rindes ist eine sehr häufige und fast immer schleichend verlaufende Erkrankung. Erst die durch die Rehe verursachten Folgeschäden führen zu deutlich bemerkbaren Lahmheiten, deren Behandlung aber ohne das Wissen, dass sie aus einer Rehe heraus resultieren, meist unbefriedigend bleibt. Die Rehe ist definiert als eine nicht-eitrige Entzündung der Lederhaut des Klauenbeines. Durch die entzündlichen Veränderungen kann die Lederhaut nur noch minderwertiges Klauenhorn produzieren. Daraus folgen Fäuleveränderungen im Ballenbereich, Doppelsohlenbildungen und Zusammenhangstrennungen entlang der weißen Linie. Das minder9.
85 wertige Horn ist oft durch Farbveränderungen (gelb bis rötlich) zu erkennen, da es im Rahmen der Entzündung auch zu Blutergüssen in der Lederhaut kommt. Zusätzlich lockert sich auch die von der Lederhaut vermittelte Verbindung zwischen Hornschuh und Klauenbein selbst, wodurch dessen Spitze absinkt und sich der Sohlenfläche nähert (Abbildung 20). Das stetige, schubweise Absinken der Klauenbeinspitze führt zur Bildung von jahresringähnlichen Einziehungen auf dem Klauenrücken bis hin zu einer „durchgebogenen“ anstatt gerade verlaufenden Klauenrückenwand. Abbildung 20: Klauenspitze infolge Rehe abgesunken, Spitze dicht über der Sohlenfläche, Einkrümmung der Klauenrückenwand (jeweils rot) Für Klauenrehe kommen mehrere Ursachen in Frage. Bei der Belastungsrehe wird die Entzündung der Lederhaut ausgelöst durch ungewohnte mechanische Belastungen (plötzlicher weiter Austrieb über Asphalt oder steinigen Boden, wackelnde Betonspalten usw.) Belastungsrehe findet man meistens nur an den stärker belasteten Hintergliedmaßen. Bei der toxischen Rehe sind schwerwiegende Infektionen mit den durch sie freigesetzten Endotoxinen und Entzündungsbotenstoffen des Körpers die Ursache. Häufigste Ursache ist jedoch die Fütterung. Durch zu geringe Rohfaseranteile oder hohe Anteile leicht vergärbarer Kohlenhydrate in der Ration oder in einzelnen Komponenten, welche kurzfristig in größeren Mengen aufgenommen werden, kommt es zu einem starken Abfall des pH-Wertes im Pansen. Dies führt zur Entzündung der Pansenschleimhaut, wobei von dieser riesigen entzündeten Oberfläche große Mengen von Entzündungsbotenstoffen freigesetzt werden, welche zu den entzündlichen Veränderungen an der Klauenlederhaut führen. Auch andere Funktionsstörungen des Pansen wie Pansenfäule werden als Ursache diskutiert. 9. 86 Die rehebedingten Veränderungen im Hornwachstum erfordern eine wesentlich häufigere Klauenpflege als sonst üblich. Die im Bereich der Weißen Linie entstehenden Wanddefekte sind unbedingt so freizuschneiden, dass sich kein Schmutz mehr in sie hineinschieben und die Fäulnisprozesse unterhalten kann. Dazu muß immer der Anschluß an die benachbarte Klauenwand gesucht werden. Es erscheint oft verlockend, dass weiche, furchige Ballenhorn mit dem Klauenmesser oder der Flex so abzutragen, dass der Ballen wieder glatt, hell und sauber aussieht. Dies ist aber unbedingt zu vermeiden, da durch die mindere Hornqualität der Ballen meistens schon zu tief abgerieben ist (gemäß der funktionellen Klauenpflege nach Toussaint-Raven muß der Ballen der Innenklauen an den Hintergliedmaßen grundsätzlich hoch belassen werden!). Das größte Problem stellt aber die abgesunkene Klauenbeinspitze dar, da man sie von außen ja nicht direkt sehen, sondern über die Hornveränderungen nur erahnen kann. Beim Vorliegen rehetypischer Veränderungen des Hornschuhes dürfen die von der funktionellen Klauenpflege bekannten Maße (Rückenwandlänge 7,5 cm, Sohlendicke 0,5 cm für DSB, Abbildung 21) nicht mehr verwendet werden. Um die Klauenbeinspitze nicht freizulegen oder zumindest das Horn über ihr zu stark auszudünnen, sollte je nach Schwere der Veränderungen eine Sohlendicke von 1 bis 1,5 cm angestrebt werden (Abbildung 22). Nur so lassen die sich meist kurz nach der Klauenpflege auftretenden, schlecht heilenden Spitzendefekte vermeiden. Abbildung 21: Klauenpflege bei einer gesunden Klaue (Sohlendicke 0,5 cm an der Klauenspitze), Schnittlinie 2a für die hinteren Außen- und 2b für die hinteren Innenklauen 9. 87 Abbildung 22: Klauenpflege bei einer Reheklaue mit erhöhter Sohlendicke (mind. 1 cm an der Klauenspitze) zum Schutz der abgesunkenen Klauenbeinspitze, Schnittlinie 2a für die hinteren Außen- und 2b für die hinteren Innenklauen Aus den genannten Folgen ergibt sich, dass alles getan werden muß, um Klauenrehe zu vermeiden oder zumindest zu minimieren. Wichtigstes Mittel zur Vorbeuge ist eine wiederkäuergerechte Ration, die starke Schwankungen des pH-Wertes im Pansen vermeidet. Dazu kommen tiergerechte Laufflächen und bei Vorliegen von Klauenreheveränderungen eine angepasste Klauenpflege, die insbesondere die abgesunkene Klauenbeinspitze berücksichtigt. Ist bei der Klauenpflege das Sohlenhorn im Bereich der Klauenbeinspitze trotzdem zu dünn geworden, so kann durch einen erhöhenden Klotz auf der (ausreichend dicken) Gegenklaue oft noch die Entstehung eines Sohlengeschwüres vermieden werden. Ist jedoch das Klauenbein selbst beschädigt worden, muß unbedingt der Haustierarzt zur Behandlung hinzugezogen werden. Im Zusammenhang mit Lahmheitsproblemen werden, gerade im Zusammenhang mit Fäule und Mortellaro, zunehmend hygienische Maßnahmen im Milchviehstall diskutiert. Dadurch sollen der Erregerdruck im Bereich der Tiere vermindert und die Hornqualität der Kühe verbessert werden. Zwei Punkten wird dabei eine besonderes große Bedeutung beigemesen: - dem regelmäßigen Reinigen der Laufflächen durch Schieber oder ähnliches - Klauenbädern zur Desinfektion am Unterfuß und zur Verbesserung der Hornqualität Doch trotz dieser weit verbreiteten Maßnahmen sind Fäule und Mortellaro in vielen Betrieben weiter auf dem Vormarsch. Um zu verstehen, warum das so ist, muß man die Entstehung der beiden Erkrankungen näher unter die Lupe nehmen: 9. 88 (Ballenhorn-)Fäule Fäuleveränderungen sind nichts weiter als die chemische und bakterielle Zersetzung des Klauenhornes, bevorzugt im Ballenbereich, da hier das Horn die geringste Festigkeit aufweist. Fäule finden wir aber auch in anderen Bereichen der Klaue, besonders an Reheklauen, da bei Rehe eine Qualitätsminderung des gesamten gerade produzierten Hornes zu verzeichnen ist. Dieses Horn bricht leichter aus (vor allem auch zum Zwischenklauenspalt hin) und wird leichter zersetzt. Aber gerade das ausbrechende Wandhorn am Zwischenklauenspalt kann viele Bemühungen, die Laufflächenhygiene zu verbessern, zunichte machen. In den Zwischenklauenspalt hineinragende Hornfetzen wirken auf Schmutz und Kot, die auch im saubersten Stall immer wieder in den Zwischenklauenspalt hineingetreten werden können, wie kleine Widerhaken und halten Verschmutzungen fest. Dadurch kann es im Zwischenklauenbereich trotz augenscheinlich gut gepflegter Laufflächen zu ununterbrochenen Fäulnisprozessen kommen, die auch durch Klauenbäder nicht gestoppt werden können, wenn das Bad ob des festsitzenden Drecks überhaupt keine Chance hat, in den Zwischenklauenspalt hineinzuspülen. Neben der Hornzersetzung kommt es aber auch noch zu einer verminderten Belüftung der Haut im Zwischenklauenspalt, und diese beginnt sich ebenfalls zu zersetzen. Es ensteht die Zwischenklauenfäule (holländ. „Stinkpoot“). Damit wird nun aber auch der Mortellaro’schen Krankheit (Dermatitis Digitalis) der Weg geebnet: Mortellaro Mortellaro ist zwar ein infektiöses Geschehen, bei dem immer wieder bestimmte Keime isoliert werden können (z.B. Spirochaeten, Fusobacterien u.a.), doch haben Untersuchungen gezeigt, dass diese Erreger einer gesunden Haut am Unterfuß nichts anhaben können. Um zu den typischen rötlichen, erdbeerartig höckerigen und schmerzhaften Veränderungen zu gelangen, bedarf es neben den Erregern auch einer Hautschädigung an Anfang oder Ende des Zwischenklauenspaltes, durch die die Bakterien in die Haut eindringen und dort eine entzündliche Reaktion hervorrufen können. Hat man früher überwiegend zu flach geschnittene Ballen oder schlechte Böden als Ursache für diese Schäden angesehen, so finden sich immer mehr Rindefüße, an denen diese Hautschäden als Folge von zu engen, mit Dreck verstopften Zwischenklauenbereichen, über denen sich die Zwischenklauenspalthaut auflöst, zu sehen sind. Da diese Veränderungen, wie bei der Fäule bereits beschreiben, auch mit Rehe in Verbindung stehen, wird ersichtlich, warum immer mehr Betriebe hier Probleme haben: Rehe steht einfach mit der leistungsorientierten Fütterung, d.h. weniger Grund- und mehr Kraftfutter, direkt im Zusammenhang. 9. 89 Maßnahmen Ziel einer Klauenpflege muß sein, neben dem Wiederherstellen einer gleichmäßigen Lastaufnahme, wie sie die funktionelle Klauenpflege nach Toussaint Raven fordert, auch einen „selbstreinigenden“ Zwischenklauenspalt herzustellen. Dabei sollte die Hohlkehlung wie ein Kegel steil (gemäß der Krümmung der Klauenmesserklinge) in den Zwischenklauenspalt hineingeschnitten werden, außerdem tief, d.h. bis kurz vor den innenwandigen Kronsaum und glatt, damit sich Dreck bei jedem Schritt wieder aus dem Zwischenklauenbereich lösen kann statt sich dort zu verdichten. Erst ein solcher „offener“ Zwischenklauenspalt ermöglicht es auch reinigenden und pflegenden Klauenbädern, bis an die gefährdete Haut vorzudringen und dort zu wirken. Zu enge oder verstopfte Zwischenklauenspalten dagegen lassen nahezu alle Pflegemaßnahmen unwirksam bleiben. |