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Womit verbringen Kühe im Laufstall ihre Zeit?
Frau Dr. sc. nat E. Hillmann
Eidgenössische Technische Hochschule Zürich
Institut für Nutztierwissenschaften, Gruppe Physiologie und Verhalten,
Universitätsstrasse 2, 8092 Zürich, Schweiz, edna-hillmann@ethz.ch
Das natürliche Verhalten als Vorbild für die Laufstallhaltung
Vergleiche zwischen verschiedenen Rassen und Untersuchungen an in natürlicher Umgebung
lebenden Rindern (Camargue-Rind) zeigen, dass sich das Verhaltensrepertoire der
Rinder im Verlauf der Domestikation und Züchtung grundsätzlich nicht geändert hat (REINHARDT,
1980). Die generellen Ansprüche von Rindern an ihre Umgebung leiten sich aus
ihrem natürlichen Verhaltensrepertoire ab. Dieses hat sich stammesgeschichtlich in Anpassung
an die natürlichen Lebensräume entwickelt und hat eine genetische Grundlage. Neben
Ansprüchen, die sich aus der Art der Nahrungsaufnahme und dem ausgeprägten Sozialverhalten
ergeben, haben Rinder auch Ansprüche gegenüber Klima, Bodenbeschaffenheit und
Raumangebot.
Rinder sind tagaktiv und zeigen die höchste Fress- und Bewegungsaktivität in den Morgenund
Abendstunden, zusätzlich weniger ausgeprägte Aktivitätsphasen am Vor- und Nachmittag.
Über Mittag wird eine längere Ruhephase eingelegt. Je nach Jahreszeit und damit Sonneneinstrahlung
können sich die Aktivitäts- und Ruhephasen verschieben. Dieser natürliche
circadiane Rhythmus wird durch verschiedene Haltungsbedingungen beeinflusst, z. B. durch
automatische Melksysteme, in denen ein Teil der Kühe nachts zum Melken gehen muss.
Eine im Sommer durchgeführte Nachtweide dagegen entspricht eigentlich der natürlichen
Anpassung der Tiere an die hohen Temperaturen am Tag. In den meisten Haltungssystemen
wird der Tagesrhythmus der Tiere primär durch solche Zeitgeber gesteuert, die der Mensch
kontrolliert, wie durch das Melken oder die Fütterung.
Ruheverhalten
Rinder liegen je nach Witterung, Futterversorgung, Alter und Geschlecht 7-12 Stunden pro
Tag. Die Liegezeiten (aufgeteilt in Liegephasen von etwa 1 Stunde) nehmen mit zunehmendem
Alter ab. Es gibt zwei Hauptruhephasen: über Mittag und in der Nacht. Erwachsene Rinder
zeigen pro Tag insgesamt nur ca. 30 min Tiefschlaf, der in 6-10 kurze Perioden aufgeteilt
ist. Für den Tiefschlaf müssen sie den Kopf ablegen können. Die restliche Liegezeit verbringen
sie mit Ruhen und Wiederkäuen. Rinder liegen in der Regel ohne Körperkontakt zu
anderen Herdenmitgliedern. Rinder sind eigentlich an ein Liegen auf Steppen-, Gras-, oder
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Waldboden angepasst. Eine dieser Anpassung entsprechende Liegefläche gibt es eigentlich
nur auf der Weide, und die Gestaltung eines tiergerechten Liegeplatzes im Stall stellt eine
Herausforderung dar. Besonders deutlich sind die Auswirkungen der Liegeboxenqualität auf
den Abliegevorgang (Inspektion des Bodens, Einknicken der Karpalgelenke, abgebrochener
Abliegevorgänge, etc.), die Art des Liegens und die Verletzungsgefahr für Gelenke und
Zitzen. Untersuchungen haben gezeigt, dass vor allem tiefrangige Kühe ihre Liegezeit verkürzen,
wenn zu wenig Liegeboxen angeboten werden (WIERENGA, 1990, Abbildung 1). Für
hochleistende Kühe wird jedoch eine möglichst lange und ungestörte Liegedauer angestrebt.
Aus diesem Grund ist eine ausreichende Anzahl Liegeboxen, für jede Kuh eine Liegebox,
unbedingt notwendig und in vielen Ländern vorgeschrieben.
Abbildung 1: Zusammenhang zwischen Rang und Aufenthaltsdauer (in 24h) in Liegeboxen
bei ausreichendem bzw. reduziertem Angebot an Liegeplätzen (WIERENGA, 1990)
Nahrungsaufnahmeverhalten
Während Kühe bei Weidehaltung 8-12 Stunden pro Tag Nahrung aufnehmen, reduziert sich
die Nahrungsaufnahme bei Stallhaltung, wo den Tieren das Futter vorgelegt wird, auf 4-7 h,
aufgeteilt auf ca. 7 Fressperioden pro Tag. Gegrast wird auf der Weide meist gruppensynchron
im langsamen Vorwärtsgehen (Weideschritt), so dass die Kuh mit dem Maul den
Boden und damit die Nahrung gut erreichen kann, ohne dass es zu Verspannungen im
Bereich der Vordergliedmassen kommt. Gleichzeitig bleiben die Tiere hierdurch ständig in
Bewegung, wodurch ihre körperliche Kondition trainiert wird. Bei Fütterung am Fressgitter
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können Rinder keinen Weideschritt ausführen, d.h. sie können Futter auf Bodenhöhe nur
schwer erreichen. Daher sollte ihnen das Futter ca. 10-15 cm über Bodenniveau angeboten
werden. Auch die natürlicherweise synchronisierte Nahrungsaufnahme sollte bei der Stallfütterung
berücksichtigt werden. Bei eingeschränktem Zugang zum Futter wird dieser über
den Rang der Tiere geregelt, rangtiefe Kühe haben dann das Nachsehen. Daher ist es
wichtig, dass jedem Tier ein ausreichender und gleichwertiger Zugang zum Futter ermöglicht
wird. Bei Fütterung am Fressgitter sollte jede Kuh einen Fressplatz haben. In der Schweiz ist
bei Fütterung am Fressgitter pro Tier ein Fressplatz vorgeschrieben, bei ad libitum Verabreichung
von Futter einheitlicher Qualität (TMR) dürfen auf einen Fressplatz 2.5 Tiere kommen.
Eine Einschränkung des Tier-Fressplatz-Verhältnisses (TFV) auf 2.5:1 hat jedoch zur
Folge, dass sich die Kühe nach der Fütterung am Fressgitter häufiger gegenseitig verdrängen
als bei einem TVF von 1:1. (NYDEGGER ET AL., 2001)
Abbildung 2: zeitlicher Verlauf der Verdrängungen pro Kuh am Fressgitter bei uneingeschränktem
und eingeschränktem T-F-Verhältnis (über 3 Stunden nach Beginn Fütterung;
FVS = Futtervorschieber, FMW = Futtermischwagen; M = Mischung, SB = Siloballen,
Nydegger et al., 2001)
Etwa 30-60 Minuten nach der Nahrungsaufnahme beginnen Rinder mit dem Wiederkäuen,
das pro Tag 5-9 h in Anspruch nimmt und am intensivsten während der ausgedehnten Ruhephasen
in den Nachtstunden gezeigt wird. Während des sehr rhythmischen und gleich9.

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mässigen Wiederkäuens ist die Aufmerksamkeit der Tiere herabgesetzt und sie wirken entspannt.
Bei kranken oder stark gestressten Tieren kann das Wiederkäuen reduziert sein.
Sozialverhalten
Wildrinder, ebenso wie Hausrinder, sind sehr soziale Tiere. Natürliche Herdenverbände
setzen sich aus den Mutterkühen mit ihrem Nachwuchs zusammen. Die weiblichen Tiere
verbleiben in der Herde, männliche verlassen diese mit Erreichen der Geschlechtsreife nach
ca. 2 Jahren und bilden Junggesellengruppen oder leben als Einzelgänger. Wenn unter
Haltungsbedingungen eine Herde aus mehr als 50-70 Tieren besteht, können sich die Tiere
individuell nicht mehr unterscheiden und es bilden sich Untergruppen. Die Haltung in altershomogenen
Gruppen mit wiederholtem Neueingliedern von Tieren, vor allem in der Milchviehhaltung
(Eingliederung von Erstkalbinnen, Wiedereingliedern von Kühen nach dem
Abkalben, Zukauf), entspricht also dem natürlich Verhalten der Tiere eigentlich überhaupt
nicht. Die Kühe reagieren auf fremde Artgenossinnen häufig mit aggressivem Verhalten, was
dem natürlichen Verhalten der Kühe durchaus entspricht. Trotzdem kann diese Situation vor
allem für neu eingegliederte Kühe eine starke Belastung darstellen. Den Kühen sollte während
der Zeit der Gruppierung ausreichend Platz auf einem trittsicheren Boden (z. B. Weide)
angeboten werden, damit rangtiefe Tiere nach einem Kampf ausweichen können.
Trotz ihres ausgeprägten Herdenverhaltens halten Kühe eine Individualdistanz zueinander
ein, die bei enthornten Kühen kleiner ist als bei behornten. Der tatsächliche Abstand
zwischen einzelnen Tieren variiert mit der jeweiligen Aktivität. Beim Grasen besteht eine
Individualdistanz von ungefähr 1-2 m. Wenn die Tiere z.B. wegen ungenügendem Platzangebot
diese Distanz unterschreiten müssen, steigt die Zahl aggressiver Interaktionen an.
Das Zusammenleben innerhalb der Gruppe wird bei Rindern vor allem über Dominanzbeziehungen
geregelt. Um diese herzustellen und aufrecht zu erhalten, setzen Rinder verschiedene
Signale ein. Hierzu gehören die Haltung und Stellung des Körpers ("Breitseitimponieren"),
die Kopfhaltung (Drohen, Bodenhornen), bestimmte Bewegungen der Beine (z.B.
Scharren mit den Klauen) und die Haltung des Schwanzes. Durch die Rangstruktur werden
der Zugang zu Ressourcen (z.B. Nahrung, Wasser, Sexualpartner, Liegefläche) geregelt und
energieaufwendige körperliche Auseinandersetzungen vermieden. Die Reihenfolge, mit der
Kühe in den Melkstand (Melkordnung) oder von der Weide in den Stall gehen, hat nur bedingt
etwas mit ihrer sozialen Rangordnung zu tun. Konfrontationen mit dominanteren Tieren
werden oft durch frühzeitiges Ausweichen vermieden. Solche Interaktionen sind für den
Menschen schwer zu erkennen, wodurch das Bestimmen der Rangordnung oft schwierig ist.
Dazu kommt, dass bei ausreichendem Zugang zu Ressourcen die Rangordnung unwichtig
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sein kann. Sie kommt erst dann zum Tragen, wenn der Zugang zu einer Ressource
eingeschränkt wird.
Soziales Lecken
Zwischen einzelnen Individuen können langfristig stabile Beziehungen bestehen, die sich
durch häufiges gegenseitiges Belecken oder in häufiger Nähe zueinander widerspiegeln.
Eine Kuh fordert eine andere zum Lecken auf, indem sie sich mit gesenktem Kopf nähert
oder Kopfstösse ausführt. Nach einer Aufforderung werden besonders häufig die vorderen
Partien (Hals- und Schulterbereich) geleckt. Das soziale Lecken fördert und stabilisiert die
Beziehungen und scheint eine entspannende Wirkung zu haben. Tiere, die geleckt werden,
schliessen oft ihre Augen und zeigen eine verringerte Herzfrequenz.
Melken
Während Kühe in konventionellen Melksystemen ein sehr herdensynchrones Verhalten zeigen
(können/müssen), können sie in automatischen Melksystemen (AMS) die Zeit, zu der sie
ruhen / fressen / gemolken werden, zumindest näherungsweise selbst wählen. Eingeschränkt
wird diese Freiheit natürlich dadurch, dass auf eine Melkeinheit ca. 50-60 Kühe
kommen, damit diese voll ausgelastet wird. Das wiederum bedingt, dass ein Teil der Kühe
nachts gemolken werden muss, was dem natürlichen circadianen Rhythmus der Tiere
eigentlich nicht entspricht. Die „freie“ Bestimmung des Zeitpunktes und der Häufigkeit des
Melkens durch die Kühe im AMS kann als tiergerecht angesehen werden. Die Tiergerechtheit
eines AMS hängt ganz zentral vom Management ab, hier unter anderem von der Steuerung
des Kuhverkehrs zwischen Ruhe- und Fressbereich. Diese wird genutzt um sicherzustellen,
dass die Kühe den Melkroboter ausreichend häufig betreten. Im vollständig gelenkten
Kuhverkehr können die Kühe den Fressbereich nur betreten, wenn sie vorher durch
den Melkroboter gehen Durch dieses Verfahren kann am leichtesten sichergestellt werden,
dass die Kühe häufig genug gemolken werden. Im total freien Kuhverkehr haben die Tiere
ungehindert Zugang zum Liege-, Fress- und Melkbereich und können verhältnismässig frei
wählen, ob sie ruhen, fressen oder gemolken werden wollen. In diesem Verfahren kann es
vorkommen, dass einzelne Kühe nicht häufig genug den Melkroboter betreten und entsprechend
manuell in den Roboter geholt werden müssen. Dazwischen gibt es verschiedene
Zwischenformen von teilweise gelenktem Kuhverkehr. Der vollständig gelenkte Kuhverkehr
kann vor allem für rangtiefe Kühe ein Problem darstellen, wie eine Studie aus Schweden
gezeigt hat (Wiktorsson et al., 2003). Tiefrangige Kühe mussten bei gelenktem Kuhverkehr
viel länger warten als hochrangige, bevor sie im Roboter gemolken werden und anschliessen
wieder in den Ruhe bzw. Fressbereich gehen durften (Abbildung 3a). Gleichzeitig nahmen
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die Liegedauer dieser Kühe (Abbildung 3b) sowie die Häufigkeit der Besuche am Fressgitter
ab. Der Melkroboter bringt also für die Kühe mehr Freiheiten, diese können sich aber für die
einzelnen Individuen einer Herde sehr unterschiedlich auswirken.
Abbildung 3: Aufenthaltsdauer im a) Wartebereich und b) Liegebereich für hoch- und
tiefrangige Kühe im AMS bei zunehmend stark gesteuertem Kuhverkehr (nach Wiktorsson et
al., 2003)
Literatur
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Welfare status of dairy cows in barns with automatic milking. Bericht aus dem EUProjekt
‘Implications of the introduction of automatic milking on dairy farms’ (QLK-
2000-31006)
0.5
1.5
2.5
3.5
4.5
frei teilweise
gelenkt
vollständig
gelenkt
Aufenthalt im Wartebereich vor AMS (h)
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16
18
20
frei teilweise gelenkt vollständig
gelenkt
Aufenthalt in Liegeboxen (h)
hochrangig
tiefrangig

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Erstelleradmin
Erstellt am 26.08.2009 09:00
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Zuletzt geändert 26.08.2009 09:01
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AutorDr. sc. nat E. Hillmann
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