| Beschreibung | 9. 33 Workshop 2: Was sagt die Milchleistungsprüfung über die Fütterung und Gesundheit der Tiere? Frau Dr. K. Mahlkow-Nerge Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein Mit steigenden Milchleistungen werden höhere Anforderungen an die Genauigkeit der Rationsberechnung und an die Exaktheit der Arbeitsdurchführung gestellt. Darüber hinaus nimmt auch die produktionsbegleitende Überwachung an Bedeutung zu. Die Daten der monatlichen Milchleistungsprüfung liefern dafür sehr wertvolle Informationen. Anhand eines konkreten Beispiels aus Schleswig-Holstein soll nachfolgend aufgezeigt werden, wie diese Milchkontrolldaten zu lesen und zu interpretieren sind und welche Schlüsse sich daraus für das Management ergeben. Jeder an der Milchkontrolle teilnehmende Landwirt erhält alle vier Wochen einen Überblick über die durchschnittlichen Milchmengen und Milchinhaltstoffe am jeweiligen Prüftag von allen Tieren und im Vergleich dazu die Herdendurchschnittsergebnisse des Vormonats und auch des Vorjahresmonats (Abbildung 4). Diese Daten liefern erste Hinweise für das Leistungsniveau und die Leistungsentwicklung der Herde. Abbildung 4: Ausdruck aus dem Prüfbericht: Herdenübersicht 9. 34 Darüber hinaus ist anhand der dargestellten mittleren Zellzahl der Tiere und anhand der Tierzahl, die eine möglicherweise krankheitsbedingte hohe Zellzahl (> 200) aufweisen, ein schneller allgemeiner Überblick über die Eutergesundheit möglich. Der Vergleich der gleitenden Herdendurchschnittsleistung der Milchkühe mit dem Vorjahr verdeutlicht noch einmal die Leistungsentwicklung. Eine differenzierte Auflistung der Leistungen der Tiere in den verschiedenen Laktationsabschnitten ermöglicht einen ersten Überblick über die Einstiegsleistung der Kühe und Färsen zu Laktationsbeginn, die Persistenz, aber auch über mögliche gesundheitliche Probleme wie z.B. Ketosen oder Azidosen. Abbildung 5: Ausdruck aus dem Prüfbericht: Übersicht der einzelnen Laktationsstadien Wie diese einzelnen Milchmengen und –inhaltstoffe zu interpretieren sind, wird nachfolgend aufgezeigt. Dafür geht man von einer Standardlaktationskurve (Zielwerte) für diese Herdendurchschnittsleistung (in diesem Fall 9.000-10.000 kg Milch) aus (Tabelle 3). Für die insgesamt recht hohe Herdendurchschnittleistung in diesem Beispielbetrieb erscheinen die 33 kg Milch im ersten Laktationsdrittel niedrig. Dabei muss jedoch der hohe Färsenanteil (45 %) berücksichtigt werden. Daraus erklärt sich auch die insgesamt niedrige Differenz in der Milchleistung zwischen dem 1. und 2.Laktationsdrittel. Unter Berücksichtigung des jeweiligen Färsenanteils im Betrieb ergeben sich folgende Zielwerte für die Milchleistung (Tabelle 4). Die tatsächlich erbrachten Milchmengen lagen um 2 kg (1.Laktationsdrittel), 0,4 kg (2. Laktationsdrittel) und 2,6 kg (3.Laktationsdrittel) unter den Zielwerten. Daraus werden zwei Schwachpunkte im Betrieb deutlich: mangelhafte Einstiegsleistung und schlechte Persistenz. 9. 35 Tabelle 3: Standardlaktationskurve Zielwerte bei einer Herdendurchschnittsleistung von ~ 9.500 kg Milchleistung: Laktationstage kg/Tag Färsen Kühe 10-100 33 37 101-200 32 33 >200 28 25 Ø 31 32,5 Tabelle 4: Zielwerte für den Betrieb unter Berücksichtigung des Färsenanteils Laktationstage Färsenanteil Zielwert Betrieb Abweichung 10-100 45 % 35,2 kg -2 kg 101-200 25 % 32,8 kg -0,4 kg >200 41 % 26,2 kg -2,6 kg Ø 37 % 31,9 -1,0 Die Milchinhaltsstoffe Fett, Eiweiß und Milchharnstoff geben ebenfalls Aufschluss über die Versorgungslage der Tiere. Während der Milchfettgehalt vorrangig die Strukturversorgung widerspiegelt, wird der Milcheiweißgehalt hauptsächlich von der Energie-, erst dann von der Eiweißversorgung der Kuh beeinflusst. Besonders das Verhältnis von Fett zu Eiweiß (F:E - Quotient) in der Milch lässt einmal Rückschlüsse auf die Gesundheitslage, besonders auf den Kohlenhydrat-Fett-Stoffwechsel und zum anderen auf die Strukturversorgung zu. Ist das Verhältnis z.B. bei Holstein Frisian größer als 1,5, kann eine ketotische Stoffwechsellage Ursache dafür sein. Niedrigere Werte als 1,0 deuten eher auf azidotische Stoffwechsellagen aufgrund einer mangelnden Strukturversorgung und/oder einer Überversorgung mit leicht löslichen Kohlenhydraten (Zucker + Stärke) hin. Die Milchfett- und –eiweißgehalte waren im vorgestellten Betrieb im gleitenden Herdendurchschnitt bei 3,91 % bzw. 3,36 % unauffällig. Jedoch fiel in der aktuellen Milchkontrolle der niedrige Milcheiweißgehalt (3,11 %) der Tiere im ersten Laktationsdrittel auf. 9. 36 Abbildung 6: Milcheiweißgehalte als Ausdruck der Energieversorgung Zudem zeigten vor allem Tiere mit einer Tagesleistung von mehr als 30 kg Milch einen sehr niedrigen und unterhalb des optimalen Wertes abgerutschten Milcheiweißgehalt. Bei Betrachtung der Einzeltierdaten fiel weiterhin auf, dass zahlreiche Tiere in der (den) ersten Milchkontrolle(n) nach der Kalbung einen Fett/Eiweißquotienten über 1,5 aufwiesen (Abbildung 7). Viele dieser Tiere hatten dabei einen Milcheiweißgehalt unter 3,0, im Vergleich dazu einen deutlich erhöhten Milchfettgehalt. Ersterer zeugt von einer sehr mangelhaften Futter- und damit Energieaufnahme, letzterer von einer starken Körperfettmobilisation. Beides ist Ausdruck einer ketotischen Stoffwechsellage/ Leberverfettung/ stark negativen Energiebilanz und deutet auf mögliche Probleme im Trockenstehermanagement hin. Der Höhepunkt solcher Ketosen ist meistens in der 3. bis 5.Woche nach der Kalbung. Weiterhin fiel der mit über 300 mg/kg Milch insgesamt sehr hohe Harnstoffgehalt auf. Dieses kann als Zeichen einer übermäßigen Eiweißversorgung, aber auch als Zeichen einer ungenügenden Energieversorgung und damit als Missverhältnis zwischen im Tier angefluteter Energie- und Eiweißmenge interpretiert werden. Der Milchharnstoffgehalt spiegelt das Verhältnis von Stickstoff zur verfügbaren Energie im Pansen wider. Ein nachteilig hoher Harnstoffgehalt über 300 mg/l Milch tritt besonders dann auf, wenn das Eiweißangebot im Futter den Eiweißbedarf deutlich übersteigt oder ein Energiemangel bei ausreichender Eiweißbedarfsdeckung besteht. 9. 37 Abbildung 7: Einzeltierdaten 9. 38 Milchkontrollergebnisse (MLP-Daten) und deren Aussage Information/Merkmal Bemerkungen Ergaben sich Veränderungen der Herdendurchschnittsleistung im Jahresverlauf bzw. zum Vorjahr? - bei Reduzierung mögliche Ursachen: Fütterungs-, Haltungs-, Gesundheitsveränderungen in der Herde Haben die Kühe in der 5. bis 7. Laktationswoche ihre Höchstleistung (Peak) erreicht? - Tritt die erwartete Peakleistung nicht ein, sind besonders die Eiweißversorgung, das Trockensteher- und Abkalbemanagement sowie die Haltung und Fütterung beim Laktationsstart zu überprüfen Liegt die Höchstleistung der Färsen max. 25 % unter der der Kühe? - Ist die Differenz größer, sind besonders die Haltung und Fütterung in der Jungrinderaufzucht, die Färseneingliederung in den Kuhbereich und die Anfütterung der Färsen zu überprüfen. Ist die Persistenz der Lakationskurve erwartungsgemäß, d.h. die Milchmenge bei Färsen sinkt nach dem Laktationspeak um nicht mehr als 6%, bei älteren Kühen um nicht mehr 9% pro Monat? - Wenn die Leistung stärker abfällt, sind die Fütterung (v.a. die Energieversorgung durch die Ration) und der Gesundheitszustand der Tiere (v.a. ketotische Stoffwechsellagen; F/E >1,5) zu überprüfen. Beträgt die Differenz zwischen der Durchschnittsleistung aller Tiere des 1.Laktationsdrittels und dem Mittelwert der beiden höchsten Milchleistungen innerhalb der ersten 3 Milchkontrollen (Peak) nicht mehr als 2,3 Kilogramm? - Größere Differenzen deuten auf Probleme in der Frühlaktation (gesundheitliche Störungen, unzureichende Energieversorgung) hin. Milchleistung beim Trockenstellen: lässt Rückschlüsse über die Homogenität einer Herde zu - Liegt die Tagesmilchmenge zum Trockenstellen bei ca. 80% der Tiere < 5 kg auseinander, ist die Herde sehr homogen. 9. 39 Milchfett: Parameter für die Energie-/ Struktur- Versorgung Zielwerte: Laktationsbeginn: nicht mehr als 0,3-0,4 % unter dem Herdendurchschnitt Laktationsende: < 0,3-0,4 % über dem Herdendurchschnitt - hoher Fettgehalt (> 5 %) und kombiniert mit niedrigem Eiweißgehalt (< 3,2): zu wenig Energie aufgenommen, stattdessen massiv Körperreserven abgebaut (Ketoseverdacht) - hoher Fettgehalt in Kombination mit hohem Eiweißgehalt ab Laktationsmitte: energetische Überversorgung - niedriger Fettgehalt (< 3,6): Strukturprobleme (Azidose) Fettgehalt optimieren: - hohe Grundfutteraufnahme, bedarfsgerechte Strukturversorgung, Überversorgung an schnell fermentierbaren Kohlenhydraten vermeiden Milcheiweiß: Parameter für Energie-Versorgung Zielwerte (für Schwarzbunte): Laktationsbeginn: > 3,2 % Laktationsende: < 3,6 % Eiweißgehalt maximieren: - Bedarfsgerechte Versorgung mit XP, nXP - RNB der Ration nicht < 1,5 g/kg TM - UDP von 30 % bei Milchleistungen > 30 kg/Tier und Tag - ausreichend fermentierbare Kohlenhydrate (Zucker und Stärke) Fett/Eiweiß-Quotient der Milch: Zielwerte: 1,2 bis 1,4 - Fett:Eiweiß: > 1,5 = Ketose- /Energiemangelgefahr - Fett:Eiweiß: < 1,0 = Azidosegefahr Fett/Eiweiß-Quotient optimieren: - Stärkegehalt der Ration < 28 % i.d.TM - NFC: < 40 % i.d.TM - Fettgehalt < 5 % i.d.TM - Rohfasergehalt > 16 % i.d.TM - strukturwirksame Rohfaser: > 9,5 % i.d.TM - Strukturwert nach DeBrabander: > 1,2 - physikalisch effektive NDF (aus Grundfutter): > 17 % i.d.TM 9. 40 Harnstoffgehalt der Milch: im Zusammenhang mit Milch-Eiweiß (Energie-Versorgung) interpretieren Milchharnstoffgehalt Eiweiß- mg/kg gehalt % < 150 150 - 300 > 300 < 3,20 Eiweiß- und Energiemangel Energiemangel Eiweißüberschuss und Energiemangel 3,20 – 3,60 Eiweißmangel + leichter Energieüberschuss Eiweiß und Energie ausgeglichen Eiweißüberschuss und leichter Energiemangel > 3,60 Eiweißmangel und Energieüberschuss Energieüberschuss Eiweiß- und Energieüberschuss Eutergesundheit Ø Herdenzellzahl nicht über 150.000/ml Nicht mehr als 5 % Färsen mit über 100.000 Zellen/ml Nicht mehr als 8 % Tiere mit über 400.000 Zellen/ml Zellzahl einzelner Tiere Nicht mehr als 2 % Millionäre Ausheilungsgrad nach dem Trockenstellen über 75% Abgänge wegen mangelnder Eutergesundheit max. 4 % /Jahr in der Herde Die monatlich von allen Kühen und Färsen verfügbaren Milchkontrolldaten lassen gute Rückschlüsse auf die Haltung, Fütterung und Gesundheit der Tiere zu. Deshalb sollten sie als ein zentrales Hilfsmittel im Rahmen der Managementkontrolle intensiv genutzt werden. |